Seine Geschichte ist ein Volksmythos. Carl Zuckmayer machte aus ihr 1931 ein Theaterstück, das zum Kassenschlager wurde, bis die Nazis es zwei Jahre darauf von allen Spielplänen verbannten. Heinz Rühmann, Rudolf Platte, Harald Juhnke und viele andere Publikumslieblinge haben ihn später in Filmen und Fernsehspielen verkörpert. Der Ort seiner Tat ist sprichwörtlich geworden: Von einer "Köpenickiade" spricht, wer einen tolldreisten Streich meint, und die Stadt Berlin, an lustigen Vögeln reich, hat ihm ein Denkmal aus Bronze gesetzt. Wilhelm Voigt, der Schuster, der am 16. Oktober 1906 mit einem Trupp Soldaten, die auf sein Hauptmannskostüm hereingefallen waren, das Rathaus von Köpenick besetzte, um die Stadtkasse zu plündern, gilt heute als der Eulenspiegel des wilhelminischen Militärstaats.

Doch hinter aller Verklärung und Klitterung ist die historische Gestalt fast verloren gegangen. Schon allein die eher marginale Tatsache, dass er mitnichten saftig berlinerte, wie gern dargestellt, sondern ein kräftig ostpreußisch gefärbtes Deutsch sprach, geriet in Vergessenheit. Denn Friedrich Wilhelm Voigt stammte nicht aus Berlin oder Brandenburg, sondern war in Tilsit zur Welt gekommen und aufgewachsen. Er hatte russische Wurzeln: Seine Mutter Eleonore Ussat kam aus dem Grenzland bei Coadjuthen - vier Monate vor seiner Geburt am 13. Februar 1849 hatte sie den Schuhmachergesellen Johann Carl Christian Voigt aus Kalkappen geheiratet.

Auch gibt es aus Kindertagen so gar nichts Drolliges oder Abenteuerliches zu erzählen, wie es Schelmenviten sonst oft bieten.

Der Vater ist Alkoholiker - das Schuhmachergeschäft geht verloren. Früh schon wird der kleine Wilhelm Opfer der väterlichen Gewalt. Als die Mutter 1878 stirbt, kursieren Gerüchte, ihr Mann habe sie totgeprügelt. Nach Voigts Erinnerungsbuch, das er 1909 unter dem Titel Wie ich zum Hauptmann von Köpenick wurde veröffentlicht hat, lag die elterliche Wohnung genau der Kaserne des 1. Litauischen Dragoner-Regiments gegenüber. Schon als Knabe konnte er dort das Soldatenleben studieren.

Im Alter von 14 Jahren wird Wilhelm Voigt zum ersten Mal wegen Diebstahls zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Es ist der Beginn einer langen Gaunerkarriere insgesamt verbringt er mehr als 30 Jahre in Haftanstalten. 1867 muss er, 18-jährig, erneut hinter Gitter, wegen Urkundenfälschung, diesmal bekommt er gleich zwölf Jahre.

Diese Urteile und Haftzeiten sind das wenige Bestimmte, das man aus seinen frühen Jahren kennt. Etliches andere bleibt im Dunklen. So soll er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Böhmen gegangen sein, dort Arbeit als Schuster gefunden, geheiratet und vier Kinder gezeugt haben. Das zumindest steht in den Prozessakten von 1906. An anderer Stelle hingegen behauptet Voigt, ledig zu sein.

Der Kaiser fordert unverzüglich einen Bericht an