Vor der Buchmesse fuhr ich in Urlaub und wollte mich vorbereiten. Ich ging in einen Buchladen und sagte: "Ich hätte gern neue deutsche Gegenwartsliteratur, die man am Strand lesen kann." Der Buchhändler zeigte mir zwei Romane, einen von Helmut Krausser und einen von Thomas Hettche. Ich fragte: "Welcher ist besser?" Der Buchhändler sagte, Krausser sei als Autor schon im richtigen Maß anerkannt, Hettche sei unterschätzt. Er rate zu Hettche. Da dachte ich, soll ich Bücher lesen, damit dem Autor Gerechtigkeit widerfährt? Das ist wieder mal typisch deutsch, dieser Gerechtigkeitsfimmel. Ich habe, als typischer Deutscher, den Hettche natürlich gekauft.

Der Hettche war eine Art geschriebener Roadmovie aus Amerika, der Krausser hieß Eros. Der Titel Eros klingt irgendwie unsubtil. Gute Bücher haben nach meiner Lebenserfahrung oft langweilige Titel, wie Madame Bovary oder Die Strudlhofstiege. Als ich anfing, den Hettche zu lesen, wurde ich von einem Motorrad überfahren. Das Motorrad hat mir den großen Fußzeh zerquetscht, er ist braun und breiig, wie Mousse au Chocolat. Diesen Zeh kann ich vergessen. Der Motorradfahrer war Marokkaner. Ich sage das einfach mal ganz ungeschützt. Ich habe nichts gegen Marokkaner. Ich möchte keineswegs insinuieren, dass alle Marokkaner allen deutschen Kolumnisten Fußzehen zerquetschen, nur manche Marokkaner tun dies. Er sagte, es sei wegen des Fastenmonats Ramadan, er habe den ganzen Tag nichts getrunken.

Wegen des Ramadan hinke ich am ersten Tag der Buchmesse. Überall auf der Buchmesse hängen Fotos von Autoren. Manchmal stehen die Autoren genau unter ihrem Foto, und dann denke ich, der Autor oder die Autorin hat, wie ich, einen Unfall gehabt. Dies ist aber nicht der Fall. Die Fotos schönen die Menschen. Aber wozu? Meiner Ansicht nach sollte ein guter Schriftsteller eher unscheinbar aussehen. Es müssen langweilige Titel von unscheinbaren Menschen sein, dann fetzt es. Kafka. Balzac.

Philip Roth. Christa Wolf. Kein denkender Mensch würde ein Buch wegen des Aussehens der Verfasserperson kaufen. Solch eine Schönheit kommt vor lauter Angeboten doch niemals zum grundsätzlichen Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Seienden, dies ist aber zum Bücherschreiben notwendig. Zadie Smith ist eine Ausnahme. Es gibt ja auch kleinwüchsige Hochspringer. Beides sind Launen der Natur.

Ich habe leider nichts über Indien gelesen, obwohl Indien offizielles Gastland der Buchmesse ist. Indien wirkt so groß und so kompliziert, ich dachte: "Um mich ernsthaft mit Indien zu beschäftigen, bin ich schon zu alt. Indien ist wie Surfen." Im Urlaub hatte ich nämlich überlegt, ob ich Surfen lerne. Stattdessen bin ich zum Stand von Herder, einem katholischen Verlag. Sie hatten ein neues Buch mit Aufsätzen von Papst Benedikt. Ein Kapitel hieß: Warum ich noch in der Kirche bin. Die Tatsache, dass sogar der Papst glaubt, begründen zu müssen, warum er nicht aus der Kirche austritt, plus die Fotos der gut aussehenden Autoren, plus der Fußzeh, dies alles ergab zusammengenommen jene produktive Depression, die zum Schreiben notwendig ist.

Gibt es ein Leitthema bei der Buchmesse des Jahres 2006? Vielleicht ist es die Suche nach Ethik und geistiger Orientierung.

Die meisten Leute möchten im Grunde ganz gerne eine Ethik haben. Sie möchten aber ungern etwas von ihrer Freiheit dafür aufgeben, sich jederzeit unethisch verhalten zu dürfen. Sie möchten eine verbraucherorientierte Religion. Sie wollen einen Gott, der in schöner Umgebung viel Service für wenig Geld bietet. Gott soll gut aussehen, Humor besitzen und sensibel sein. Es schadet nichts, wenn Gott Tango tanzen kann und interessante Hobbys hat.