Der Pranger, an dem die Bundesrepublik und ihr Finanzminister seit 2002 standen, wird abgebaut. Jeder durfte den Finanzminister einen Defizitsünder schimpfen, in Brüssel, Paris, Berlin und gar Athen. Vier Jahre in Folge lag die Neuverschuldung über drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes und damit über der willkürlichen, weil durch keine ökonomische Theorie fundierten Grenze des europäischen Stabilitätspaktes. Nun hat das Leiden ein Ende. Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, und die Neuverschuldung sinkt. Am Dienstag setzten die EU-Finanzminister das Defizitverfahren aus und wollen es im kommenden Jahr endgültig einstellen.

Das ist ein Triumph für Peer Steinbrück, den Finanzminister der Großen Koalition. Für das erste Jahr hat er die Parole "Wachstum statt Sparen" ausgegeben. Er hat auf all die Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen verzichtet, die seinen Vorgänger Hans Eichel zur tragischen Figur haben werden lassen. Weil Eichel sparte, blieb das Wachstum gering und der Steuerfluss hinter den Erwartungen zurück.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen. Am Ende lag die Neuverschuldung höher. Steinbrück dagegen nahm einen erneuten Bruch des Stabilitätspakts in Kauf, um 2007 mit mehr Wachstum und höheren Steuern die drei Prozent einhalten zu können. Deshalb brummt zurzeit das Wachstum, nimmt die Arbeitslosigkeit ab. Und siehe da: Die Neuverschuldung geht kräftig zurück. Es dürften kaum mehr als zwei Prozent werden.

Die Moral von der Geschichte: Die Neuverschuldung kann man nicht steuern. Sie ist Resultante der Wirtschaftsdynamik. Wenn Steinbrück jetzt trotzdem am größten Steuerschock der Nachkriegszeit mit Mehrwertsteuererhöhung festhält, hat er aus seinem Erfolg nichts gelernt. Dann könnte er bald wieder am Pranger stehen.