"Kind, mach Abitur, dann steht dir die Welt offen!" Wie oft hatte Henrike Thoböll diesen Spruch schon gehört! Dann trat sie endlich vor die Tür der Integrierten Gesamtschule Bad Oldesloe, ihr Einser-Zeugnis in der Hand – aber welchen Weg sollte sie gehen von den vielen, die ihr nun plötzlich offen standen? Talent ist eben immer ein Geschenk – und manchmal auch ein Fluch. Dann zum Beispiel, wenn man sich entscheiden muss, wie man es einsetzen möchte. Schließlich will keiner sein Talent verschwenden. Und die Entscheidung für einen Beruf ist gleichzeitig die Entscheidung gegen Hunderte andere.

"Als kleines Mädchen wollte ich immer Ärztin werden", sagt Henrike. In der Praxis ihres Vaters hat sie früh mitbekommen, wie er seinen Patienten half. Heute weiß Henrike: Helfen will sie auch, aber auf ein Medizinstudium hat sie keine Lust. "Ich will etwas mit Menschen machen, aber ich möchte dafür nicht alle ihre Knochen auswendig lernen." Mit Kindern arbeiten, Benachteiligten helfen, das wäre was für sie. Aber wie genau?

Die Zeiten, als Eltern ihren Kindern einen Beruf vorschrieben, sind zwar vorbei. Aber gut gemeinte Sätze à la: "Du findest schon deinen Weg" helfen auch nicht weiter. "Ich würde mich nicht wundern, wenn Rike mit einem Paukenschlag etwas ganz anderes machen würde", sagt ihre Mutter. Rike hat sich jetzt erst einmal eine Auszeit genommen, um in Ruhe nachzudenken. Seit dem Sommer arbeitet sie auf einem Traditionssegler auf der Ostsee, segelt mit kranken Kindern und erlebnishungrigen Managern. Seitdem quält sie eine neue Idee: eine Ausbildung zum Bootsmann. Bis zum nächsten Herbst will sie sich entscheiden.

Und das sagen die anderen:

Henriette Thoböll, Erzieherin, Rikes Mutter: " Deine Stärke liegt in der Kommunikation. Du hast eine große Begabung, Menschen zusammenzubringen; wie bei deiner Arbeit im Jugendzentrum. Soziales Engagement war immer dein Ding. Und Kunst, in der Theater-AG oder beim Malen. Bühnenbildnerin wäre doch was. Oder Journalistin. Pädagogin auch, aber bitte nicht Lehrerin!"

Berufsberater der Bundesanstalt für Arbeit: "Sie arbeiten gerne mit Menschen? Sie haben einen starken Gerechtigkeitssinn? Ich glaube, wir haben da was Passendes für Sie: Werden Sie doch Polizistin!"

Markus Thoböll, Arzt, Rikes Vater: "Bei deinem Einsatz im Jugendzentrum hast du hohe soziale Kompetenz bewiesen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass du mit verhaltensauffälligen Kindern arbeitest. Klar: Heute muss sich jeder seinen Beruf selbst erfinden. Aber ein Medizinstudium wäre sicher keine schlechte Voraussetzung."