Was sollen die Standards leisten?

Die Kultusminister wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Grundlage für künftige Leistungsvergleiche schaffen und einen Anstoß für einen zeitgemäßen Unterricht geben. Die Bildungsstandards sollen definieren, welche Leistungsniveaus Schüler etwa am Ende der vierten und der zehnten Klasse erreichen sollen. Und zwar bundesweit – ein kleines Wunder angesichts der Länderhoheit über die Schulen. Mit entsprechend konstruierten Testaufgaben kann überprüft werden, inwiefern die Schüler sie tatsächlich erreichen. Das wollen die Kultusminister bald regelmäßig für alle Bundesländer betreiben. Tests für einzelne Schulen oder gar einzelne Schüler sind – zumindest als Pflichtprogramm – nicht geplant. Gleichzeitig werden Beispielaufgaben veröffentlicht, die die Lehrer anregen sollen, ihren Unterricht zu modernisieren: weg vom Stoffpauken, hin zur Befähigung der Schüler, Praxisprobleme zu lösen. Letztlich hoffen die Kultusminister und Schulforscher, mit den Bildungsstandards die Schulen besser zu machen und die Schüler zu höheren Leistungen zu führen.

Warum Bildungsstandards?

Auslöser ist wieder einmal Pisa. Genauer: das mittelmäßige Abschneiden der deutschen Schüler bei internationalen Leistungsstudien. Besonders düster, das zeigte die Pisa-Studie im Jahr 2001, sieht es im unteren Leistungsbereich aus: Knapp ein Viertel der hiesigen 15-Jährigen kann nicht richtig lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Außerdem zeigte sich, dass an den Schulen zu viel abstrakter Stoff gepaukt wird. Im Matheunterricht etwa wird das Routinerechnen trainiert, aber nicht das Lösen anspruchsvoller Probleme mit Hilfe der Mathematik.

Pisa löste in Deutschland einen Schock aus, weil Bildungspolitik bis dato im Blindflug betrieben wurde. Jahrzehntelang wusste hierzulande keiner, was die Schüler tatsächlich können, denn Leistungsstudien waren verpönt. Man war sich sicher, die Schüler durch eine vermeintlich gute Lehrerausbildung und wohl formulierte Lehrpläne zu guten Leistungen zu führen. Diese Sicherheit ist nun perdu, und die Kultusminister aller Parteien und Bundesländer wollen die "Erträge" der Schulen, die Leistungen der Schüler, nun fest im Auge behalten. Im Expertenjargon wird das der Wechsel von der "Input"-Steuerung des Bildungssystems (gute Lehrer und Lehrpläne) zur "Output"-Steuerung (gute Schülerleistungen) genannt.

Was beinhalten die Standards?

Anders als Lehrpläne (welcher Stoff wird durchgenommen?) beschreiben Bildungsstandards Kompetenzen, die etwa ein Schüler mit der mittleren Reife erworben haben soll. In der Mathematik geht es zum Beispiel um die Fähigkeit, mathematisch zu argumentieren und zu modellieren sowie Alltagsprobleme zu lösen. Die Beispielaufgabe unten auf dieser Seite mag das illustrieren: Sie ist aus dem Leben gegriffen; zu ihrer Lösung ist das mathematische Argumentieren nötig; sie erfordert relative und absolute Zahlenvergleiche sowie das Nachdenken über mathematische Darstellungsformen. Die Aufgaben, die die Bildungsstandards illustrieren, sind anspruchsvoll und sollen die Schüler zum aktiven Mitdenken motivieren. Damit wollen die Autoren wie der Kasseler Mathematikdidaktiker Werner Blum auch ausschließen, dass Lehrer teaching to the test betreiben, also das stupide Trainieren simpler Testaufgaben, das in den USA vielerorts zum Problem geworden ist.

Wer setzt die Bildungsstandards?

Beschlossen werden sie von der Kultusministerkonferenz (KMK). Ausgearbeitet werden sie von Ministerialbürokraten, Lehrkräften, Fachdidaktikern und Bildungsfor schern. Federführend bei der Entwicklung der Aufgaben, mit denen das Erreichen der Bildungsstandards gemessen wird, ist das von der KMK 2004 geschaffene Institut für die Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität in Berlin.