Alle schimpfen auf die EU. Klagen über die Alleingänge ihrer Mitglieder. Europas Solisten sind zum Begriff geworden für permanente Dissonanzen in der Politik. In der Musik bilden die Solistes Européens ein Sinnbild der Harmonie. Von den Solopulten der großen Orchester kommen sie Monat für Monat nach Luxemburg, um zu proben, um Konzertreihen einzustudieren mit Martha Argerich und Gideon Kremer, Héléne Grimaud und Mstislaw Rostropowitsch, Radu Lupu und Julia Fischer. Yehudi Menuhin hat sie vor Jahren schon einmal als Gast geleitet.

Doch ohne seinen Dirigenten Jack Martin Händler würde es dieses entspannte Orchester, das selbst vor den Vereinten Nationen schon mal für festliche Eintracht gesorgt hat, gar nicht geben. Händler, der 59-jährige Slowake, war der letzte Schüler des großen Geigers David Oistrach und tauschte später die Violine mit dem Taktstock. 1989, noch vor dem Fall der Mauer, brachte er die Solistes Européens Luxembourg zusammen. Seither hat er sie zu einem veritablen Klangkörper geformt.

Musik und Europa sind für Händler eins. Der Musik verdankt er sein Leben, buchstäblich ein Leben, so übervoll mit geschichtlicher Prägung und schicksalhaften Wendungen, das man es nur chronologisch erzählen kann. Schon bevor Händler zur Welt kam, waren große Musiker, deutsche und jüdische, der letzte Halt seiner Familie in und nach den Konzentrationslagern. " Die Vergangenheit ist mein Muttermal", sagt Händler. Er braucht die Vergangenheit, um Europa in den alten Dimensionen seiner verlorenen Kultur wie eine Roadmap vor sich zu haben. Vor drei Jahren hat er die Bruno Walter Musiktage ins Leben gerufen. In diesem Herbst, zum 130.Geburtstag des jüdischen Dirigenten, finden sie bis zum 28. Oktober an dessen einstiger Wirkungsstätte in Hamburg statt.

Wie ist das mit dem Muttermal gewesen? Katz hieß sie mit Mädchennamen, die Mutter. 16 Jahre jung war Ilona Katz, als sie am 18. Dezember 1942 den Transportzug 55 nach Auschwitz besteigen musste. Zusammen mit den Geschwistern und den Eltern, die im slowakischen ilina eine Holzspedition betrieben hatten. Am nächsten Tag trieb die SS Ilona und die Ihren mit Hunden aus den Viehwaggons. Sie wurden sofort selektiert und wussten es nicht einmal. Die Eltern und der 14-jährige Bruder Jozef starben am selben Abend im Gas. Ilona, die 16-Jährige, und ihr drei Jahre älterer Bruder Ludwig wurden getrennt, geschoren, desinfiziert, tätowiert. Sie war Nr. 20161.

Als alles fast schon verlöscht schien, drangen Klänge an ihr Ohr, so unbeschreiblich, dass sie zu träumen vermeinte. An den Baracken spielte Alma Rosé, die außerhalb des "Dritten Reiches" gefeierte jüdische Geigerin aus Wien. Nie zuvor hatte Ilona, das junge Mädchen aus ilina, von dieser Virtuosin gehört. Gustav Mahlers Schwester Justine war Almas Mutter, Arnold Rosé, der berühmte Konzertmeister der Wiener Philharmoniker unter Gustav Mahler und Bruno Walter, ihr Vater.

Auf ihrer viel zu späten Flucht von Holland über Frankreich war die bewunderte Künstlerin verhaftet und nach Auschwitz deportiert worden.

Die SS-Lagerführerin Maria Mandel wählte die prominente Geigerin aus, um ihr bis dahin hoffnungsloses Projekt eines neu gegründeten Mädchenorchesters zu leiten. Alma Rosé nutzte die Gelegenheit, um das Leben dieser Frauen, die in der großen Mehrzahl Amateure waren, zu retten. Mit unerbittlicher Energie trimmte sie das arme Häuflein auf ein musikalisches Niveau, das dieses Ensemble als Prestigeobjekt für das SSPersonal bald unentbehrlich machte.