Ein historischer Satz: "Am 9. Oktober hat die Demokratische Volksrepublik Korea in schändlicher Art und Weise einen Atomtest durchgeführt, der die allgemeine Kritik der internationalen Gemeinschaft missachtet." So lautete die Stellungnahme des Pekinger Außenministeriums, nachdem am Montagmorgen in etwa 120 Kilometer Entfernung zur Grenze mit China die erste nordkoreanische Atombombe getestet worden sein soll. Aufhorchen ließ das im Chinesischen selten benutzte Wort "schändlich" (hanran). In der Pekinger Diplomatensprache dient es der Charakterisierung von Chinas ärgsten Feinden.

"Schändlich" war einst das Eingreifen der USA im Koreakrieg, dem Chinas Kriegseintritt folgte. " Schändlich" war die vietnamesische Invasion in Kambodscha, die zum chinesisch-vietnamesischen Grenzkrieg von 1979 führte. Im Zusammenhang mit der sowjetischen Invasion in Afghanistan wurde der Terminus ein weiteres Mal eingesetzt. Jetzt also zum vierten Mal. Unüberhörbar. Alle Pekinger Zeitungen druckten das bekannte Codewort. Was aber verbirgt sich dahinter? Eine erneute Kriegserklärung? Wenn schon für die USA, dann ist Nordkorea auch für China militärisch unangreifbar. Also ein Aufruf zu Sanktionen? So interpretieren amerikanische und südkoreanische Diplomaten im UN-Sicherheitsrat Chinas harsche Reaktion auf den Atomtest.

Für Yan Xuetong, dem allgegenwärtigen Interpreten Pekinger Außenpolitik vollzog sein Land am Montag einen Schlussstrich unter 60 Jahre kommunistischer Freundschaft: "Die kommunistische Brüderschaft ist vorbei, die Waffenbrüderschaft erst recht. China ist nicht mehr die Schutzmacht Nordkoreas. Stattdessen benimmt sich Nordkorea wie unser Feind Nummer eins". Yan Xuetong ist Leiter des Instituts für Internationale Studien der Pekinger Tsinghua-Universität, ein selbstbewusster, eigensinniger Mann, der der Regierung nah steht. Von seinem Büro schaut Yan auf einen hundert Jahre alten, von roten Backsteinbauten geprägten Campus, der einst mit amerikanischer Hilfe errichtet wurde. An diesem Ort wirkt die kommunistische Außenpolitik Chinas der letzten Jahrhunderthälfte dieser Tage wie ein großes Missverständnis. Nordkorea, sagt Yan, wäre nun fast so etwas wie der gemeinsame Feind Chinas und der USA.

Man könnte einwenden, dass es den gemeinsamen Feind nicht zum ersten Mal gibt. Schon gegen Japan im Zweiten Weltkrieg und auch später, gegen die Kalte-Kriegs-Drohung der Sowjetunion, standen Peking und Washington Seite an Seite. Doch Yan blickt nicht zurück. Er sieht die Herausforderung der Stunde: "Wie können wir jetzt die atomare Weiterverbreitung stoppen?"

Schon bei diesen Fragen offenbaren sich Probleme des neuen Zweckbündnisses gegen Nordkorea. Sanktionen werden Nordkorea kaum vom nächsten Atomtest abhalten. Das Land will mit den USA verhandeln, mit niemandem sonst. Mit den langjährigen Sechser-Gesprächen zwischen China, den USA, Japan, Russland und den beiden Koreas wollte das gastgebende Peking immer nur eine Kulisse bieten, hinter der sich Pjöngjang und Washington im stillen Kämmerlein zusammenfinden sollten.

Doch daran ist weniger denn je zu denken. Bleibt Peking also nichts anderes übrig, als sich kleinlaut in die westliche Sanktionsfront einzureihen?

Pekings Außenpolitik hat ihr erklärtes Ziel eines atomwaffenfreien Koreas vor den Augen der Welt verfehlt. Von wegen aufstrebende Weltmacht. Nicht einmal in seinem Hinterhof hält China Ordnung. Doch Zorn darüber, bedeutet Yan, sei kein guter Ratgeber der Diplomatie.