Ja, der Sommer war sehr groß aber der Kater auch. So dramatisch wie mit dem harten Wechsel von heiß auf eisig ging selten eine Hochsaison zu Ende. Der Überschwang, das gleißende, mediterrane Licht, der Rosenduft, die Süßkirschenzeit alles weg, buchstäblich über Nacht.

Der Garten schien herumzuhängen wie am Morgen nach einer rauschenden Party, zerfleddert, müde und in lustlosem Stumpfgrün. Ich mochte kaum hinsehen, weil ich mich ob des abrupten Entzuges ähnlich fühlte und es diesmal noch weniger glauben konnte als sonst: Schon wieder alles vorbei? Glücklicherweise ist der alljährliche, unvermeidliche Sturz in den Alltag im Spätsommer doch etwas erträglicher als im November: Er ist noch befristet. Mit dem Herbst kam noch einmal die Sonne zurück, und die ganze Pracht ebenfalls, wenn auch verändert: Die Äpfel werden reif, die Hagebutten leuchten, die Rosen blühen wieder und an Chrysanthemen und später Heide auf dem Wochenmarkt sehe ich einfach stur vorbei. Ich habe sogar noch einen Restbestand Sommer: An der Buddleia, die eigentlich längst verblüht sein müsste, zeigen sich noch winzige violette Rispen. Und ob winzig oder nicht: Das bedeutet noch einmal Schmetterlinge, die letzten. Da außerdem noch Fallobst lockt, sind es sogar, bis die Nächte zu kalt werden, die besonders großen, schönen Wanderfalter, darunter meist ein stattlicher, standesgemäß schwarz-weiß-roter Admiral.

Es klappt wirklich fast von selbst, wie eine Umkehr des Seneca-Zitats "Wo die Natur nicht will, ist die Arbeit umsonst". Arbeit machts kaum, die Natur will eigentlich immer, und der Aufwand steht in keinem Verhältnis zur Freude. Man erwirbt eine Buddleia davidii, auch Sommerflieder genannt, oder lässt sich jetzt im Herbst von einem freundlichen Mitgärtner ein Steckholz schenken. Die bewurzeln fast so schnell wie Weidenzweige, und der Strauch ist ähnlich anspruchslos.

Nur Sonne möchte er, und sei es im Kübel auf dem Balkon. Ansonsten braucht man sich bloß noch zurückzulehnen und auf die Schmetterlinge zu warten. Die sind übrigens wählerisch und ziehen die rotviolette Sorte Royal Red den anderen Farbvarianten deutlich vor.

Das Problem ist das Timing. Ist der August nasskalt, fliegen die Falter nicht. Folgt ein sonniger September, kommen sie zwar wieder, bloß: Die Buddleia blüht dann nicht mehr. Glücklicherweise lässt sich der Strauch aber überlisten. Wenn jede verblühte Rispe ausgeschnitten, er also am Lebenszweck Samenbilden gehindert wird, geht er an die Reserven und öffnet, vermutlich in der Hoffnung, doch noch jede erreichbare Pflasterfuge mit winzigen Buddleias zu bevölkern, immer kleinere Blütenrispen. Bis in den Oktober habe ich so schon Schmetterlingsköder bekommen, auch wenn sich stylingbewusste Gärtner beim Anblick dieser botanischen Irokesenfrisur schütteln dürften. Doch der einzige Lebenzweck meiner Buddleia ist das Anlocken von Insekten, je länger, desto besser, und wenn sie dabei auch langsam den Habitus einer angejahrten Spülbürste annimmt, ist denen das egal. Mir also auch. Im Frühjahr wird ohnehin zurückgeschnitten, und ohne Besucher kann ich dem ostasiatischen Gehölz sowieso nicht allzu viel abgewinnen. Außerhalb der Blütezeit sieht es langweilig aus, neigt ständig zum Auseinanderfallen und lässt bei Trockenheit wehleidig die Blätter hängen. Den für Falter so betörenden süß faden Geruch, der an den von verblühendem Phlox erinnert, finde ich eher zum Würgen. Aber mir soll er ja auch nicht gefallen.

Die Schmetterlingssaison allerdings hatte diesmal einen merkwürdigen Höhepunkt. Im späten Nachmittagslicht saß ein Falter am Fallobst, den ich bisher nur auf Fotos gesehen und in der Innenstadt nie vermutet hatte: groß, kräftig und von einem samtig schimmernden, ins Schwarze changierenden rötlichen Tiefbraun, fast wie eine viel zu dunkle Kastanie. Um die Flügelränder zog sich im auffallenden Kontrast ein hellgelbes Band mit türkisfarbenen Tupfen. Ein Trauermantel, Nymphealis antiopa, einer der seltensten Tagfalter und, seiner unorthodoxen, fast erschreckenden dunklen Schönheit wegen, auch ein weltweit mythenumwobener. Er gilt, im Gegensatz zur fröhlichen bunten Verwandtschaft, oft als sinister, sogar als Todesbote. Der dunkle Schmetterling mit dem schwefelgelben Flügelsaum soll sogar die Seele des Buddhas gen Himmel getragen haben. Mein Gast war scheu, flog schnell hoch auf und übers Dach davon, und noch während ich ihm nachsah, klingelte drinnen das Telefon. Mit einer Todesnachricht, die mich ziemlich erschütterte. In jeder Hinsicht. Natürlich weiß ich, dass Wanderfalter eben wandern, oft sehr weit, und dass sie Obstsaft ebenso lieben wie Buddleias. Dafür habe ich die Schmetterlingssträucher schließlich gepflanzt. Und doch: Was ich nun eigentlich von diesem Besuch halten soll, weiß ich beim besten Willen nicht

Susanne Wiborgs Gartenkolumnen aus der ZEIT sind in einem Buch erschienen. Es heißt "Gärtnerleben", herausgegeben von der Heinrich & Hahn Verlagsgesellschaft