Ein rheinischer Jung, keine Frohnatur. Ein Ruheloser. Als Kind mager.

Katholische Erziehung. Internat im Eifelkloster. Chronische Hornhautentzündung. Erlebt den Krieg wie einen Schmerz, der das Leben überdauern wird. Holt sich eine Bleibenzin-Vergiftung, weil er in verseuchtem Wasser stand. Steht in der Musik zwischen allen Tonsatz-Generationen. Ein Einzelgänger, der Tanzmusik liebt, seinen Kindern Dostojewski vorliest und sich selber eine Mischung aus Dionysos und Mönch nennt. Wird von seinen Schülern verehrt, von seinen Kollegen bespöttelt.

Und dann holt Bernd Alois Zimmermann, 1918 in Bliesheim bei Köln geboren, tief Luft und beginnt eine Oper, die das Musiktheater revolutioniert. Sie heißt Die Soldaten (nach Jakob Michael Reinhold Lenz). Alle Geister scheiden sich an ihr. Sein bester Freund, der Dirigent Günter Wand, lehnt 1960 die Kölner Uraufführung ab unspielbar. Zimmermann bekommt einen Glaukom-Anfall. Michael Gielen bringt das Werk fünf Jahre später heraus. Musiker lassen sich Atteste schreiben, um nicht spielen zu müssen. Zimmermann wirft eine Whisky-Flasche an die Wand. Er begreift, was jeder längst begriffen hat: dass Die Soldaten alles sprengen. Die Dimensionen des Raumes. Die Dimensionen des Orchesters. Die Dimensionen der Singbarkeit. Die Dimensionen der Oper überhaupt.

Zimmermann hatte für Die Soldaten eine Pluralität der Ausdrucksformen und Zeitebenen entwickelt, welche die Einheit von Ort, Zeit und Handlung neu vernäht. Jede Chronologie verwirbelt. Was nacheinander stattfindet, geschieht gleichzeitig. Ein Abschiedsbrief wird geschrieben und zugleich liest ihn der deprimierte Empfänger, auf der dritten Simultanebene singt eine ferne Großmutter ein Lied über Liebesleid, und noch fernere Bläser spielen einen barocken Choral. Die Zeit ist keine Linie mehr, sondern eine Kugel.

Das Publikum rollt auf Schienen durch die Handlung

Seit der Uraufführung der Soldaten haben sich nur große und größte Häuser eine Vorstellung von dieser Unspielbarkeit gemacht. Oft wurde sie widerlegt, doch unter gewaltigem Theaterkeuchen. Tatsächlich zu viele Personen auf zu kleiner Bühne. Zu enger Orchestergraben. Zu enge Sängerhälse. Zu viel Aufwand. Vielleicht hilft ein Ort, der gar nicht fürs Musiktheater gebaut wurde und deshalb für dieses hyperbolische Opus ideal ist? Vielleicht die Bochumer Jahrhunderthalle, dieses archaische Langhaus, das Kathedrale und Ruine zugleich ist und bei der Ruhrtriennale schon Messiaens Saint François dAssise?

Der Regisseur David Pountney gilt als Großarchitekt der Opernregie, der an den Dimensionen wächst, erst bei Seebühnen in Schwung kommt.