Dienst am Zeitgeist

Ich gebe Matthias Altenburg Recht, wenn er feststellt, dass heute wieder Disziplin, Orientierung und Führung nachgefragt werden. Ob das aber eine gefährliche Tendenz sein muss, hängt davon ab, wie die drei Begriffe definiert und in Handeln umgesetzt werden!

Disziplin muss nicht Kasernenhofgebaren bedeuten. Sie kann sich viel wirksamer im möglichst gemeinsamen Aufstellen von Regeln und deren strikter Einhaltung zeigen. Orientierung liefert nicht nur der Papst, sondern auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung, und Führung ist heute dem partnerschaftlich-demokratischen Stil verpflichtet. Wir müssen als Ältere diese Tugenden nur vorleben und offensiv vertreten, wenn uns die nachfolgende Generation nicht entgleiten soll.

Dr. Karin Michaelis-Jähnke, Pfinztal

Der Beitrag zur Streitschrift von Bernhard Bueb stellt eine verdienstvolle Position in der öffentlichen Debatte über Erziehung dar. Er beklagt einen geradezu anbiedernden Populismus. Trotz der fraglos grenzwertigen Zitate aus der Streitschrift wäre aber eine Unterstellung von rechtsradikaler Nähe des Autors nicht nötig gewesen.

Dies ist nicht nur ungerechtfertigt, sondern schwächt auch seine eigene Position.

Buebs Ausführungen strotzen geradezu vor pädagogischen Banalitäten und mangelnder Differenzierung. Es ist wohl das Ergebnis des frustrierenden Umgangs mit verwöhnungsverwahrlosten Kindern von zum Teil beziehungslos reichen Eltern. Dies ist aber nur ein Aspekt von Salem und hat zweifellos mit den finanziellen Realitäten von Internaten zu tun. Wir haben in vielen Jahren Herrn Bueb als hervorragenden Pädagogen erlebt, der Individualität immer gefördert hat und alle wesentlichen Entscheidungen bei den Schülern zur Diskussion gestellt hat. Dabei behielt er die Fähigkeit, sich auch selbst infrage zu stellen. In seiner pädagogischen Praxis kann er sich zweifellos mit Hartmut von Hentig problemlos verständigen. In der Pisa-Studie hat seine Laborschule auch ohne das hohe Lied auf Disziplin hervorragend abgeschnitten.

Unser Sohn wurde einmal zu Anfang seiner Internatszeit nach 1 Uhr nachts in seinem Schlaf gestört. Ein Lehrer musste mit seinem Fernglas dringend Eulen beobachten. Da wurde uns klar, dass er wohl in der richtigen Schule ist. Er hatte einen Lehrer mit vorgelebter Leidenschaft, einen "Verführer", der Regeln bricht.

Dienst am Zeitgeist

Der Entscheidung für Drogentests gingen in Salem jahrelang Diskussionen voraus. Sie letztlich durchzuführen war notwendig und richtig. Dieses Vorgehen bedeutet immer auch das Eingeständnis, pädagogisch versagt zu haben.

Das Primat der Sekundärtugenden mit seiner Scheinoffenheit fördert lediglich Unterwerfung und Heuchelei. Regeln sind erfolgreich nur über Beziehung vermittelbar, ein Prinzip, das Bueb in der Praxis immer eingehalten hat.

Bueb ist und bleibt ein herausragender Pädagoge in der Praxis. Seine Begeisterung für amerikanische und englische Internate sind blanke Idealisierungen. Idealisierungen sind eben auch das Ergebnis von Notgemeinschaften, wie die Berichte der Altsalemer im Ressort Leben in derselben Ausgabe der ZEIT zeigen. Wir würden ihm nach wie vor unser Kind anvertrauen, aber im Gegensatz zu seinen theoretischen Idealen nicht ab dem 3., sondern frühestens ab den 180. Lebensmonat. Er soll weiter zahlreiche populistische, dem jetzigen Zeitgeist entsprechende Werte- und Disziplinbücher mit dem Ideal der Unterwerfung schreiben, seine pädagogischen Fähigkeiten in der Praxis sollten uns allerdings erhalten bleiben.

Prof. Hans Becker und Dr. Peta Becker-Rose Heidelberg

Schade, dass Journalisten immer wieder dazu neigen, Texte aus ihrem Zusammenhang zu reißen. Sei es bei Bernhard Bueb oder auch bei Eva Herman.

Wenn man Buebs Lob der Disziplin von vorn bis hinten gelesen hat, wird man den Inhalt ganz anders interpretieren als Herr Altenburg, denn es geht nicht nur um Disziplin, sondern auch um Zuneigung, Liebe und um Aufmerksamkeit. Der Mann hat absolut fortschrittliche Gedanken.

Disziplin braucht jeder von uns. Aber da Disziplin offensichtlich verpönt ist, dürfen Hundebesitzer im Park ihre Hunde frei laufen lassen, oder Lehrern wird von vermeintlich engagierten Eltern mit dem Anwalt gedroht, weil mit ein wenig Disziplin mehr Ruhe in eine Klasse gebracht werden soll.

Dienst am Zeitgeist

Rückwärtsgewandt finde ich den inzwischen langweiligen Vergleich mit den Nazis oder dem Kaiserreich. Eine gesunde Mischung aus Disziplin und Freiraum wäre wünschenswert.

Jörg Buntenbach, Berlin

Matthias Altenburgs Kritik an diversen und diffusen Thesen zu mehr "Strenge, Härte, Disziplin", die vor allem von Bernhard Bueb vorgetragen und von manchen deutschen Medien mit Verzückung wiedergegeben wurden, sollte sich jeder Deutsche zu Herzen nehmen.

Nicht dass ich als Österreicher lehrmeisterhaft wirken will, aber die mangelnde Flexibilität und der fehlende augenzwinkernde Humor treffen unsereins ja, ja wir schlampigen Ösis bei unseren Tätigkeiten in Deutschland sehr. Es ist nicht alles hart, was hart zu sein hat, es ist nicht alles Gold, was als Gold vorgegeben wird.

Unsere deutschen Nachbarn glauben noch zu sehr an die Mächtigkeit des Wortes des Vorgesetzten, an die sture Einhaltung jedweder Pflichten, die irgendwann einmal niedergeschrieben wurden. 8 Uhr heißt 8 Uhr und nicht 8.02 Uhr, der Tisch 12 hat immer reserviert zu sein, beim Frühstück genauso wie beim Abendessen - sonst kann der Deutsche ungemütlich werden. Im Flugzeug, sei es auch noch so leer, muss die Sitzordnung eingehalten werden. Mir graut vor dem Gedanken, nicht Klinsmann, sondern ein politischer Demagoge hätte die Deutschen per public viewing angestachelt.

Nicht oft, aber manchmal bin ich froh, Österreicher zu sein!

Hannes Naderhirn, Wien

Dienst am Zeitgeist

Für einen Autor gilt das ungeschriebene Gesetz, dass seine Argumentation umso stichhaltiger sein sollte, je schärfer er seine Kritik formuliert. Wer vor dem Leser eine absurde Szene der Zukunft ausbreitet, in der der deutsche Bundespräsident "schwarz-rot-weiße Fähnchen schwenkt" und die Wiedereinsetzung Kaiser Wilhelms fordert, der sollte sich nicht wundern, wenn "dort draußen im Land" kein "riesengroßes Gelächter einsetzt". Vielmehr sollte er sich fragen, ob nicht auch er den unreflektierten Reaktionismus pflegt, dessen Phrasen er dem deutschen "Restbürgertum" so gerne in den Mund legt. Wie sonst, wenn nicht als Platitüden der Studentenbewegungen der sechziger und siebziger Jahre, sind Äußerungen zu deuten, denen zufolge sich jeder schuldig macht, der durch den Holocaust "kontaminierte" Begriffe wie den der Disziplin gebraucht. Ebenso grotesk mutet die Behauptung des Autors an, in der Bundeswehr seien "die Strukturen der Demokratie weitgehend außer Kraft gesetzt".

Ferner konstatiert er Zusammenhänge zwischen WM-Euphorie und NPD-Erfolg. Ein wenig mehr Disziplin bei der Recherche und ein wenig mehr kritische Härte gegenüber der eigenen Sozialisationsgeschichte in den sechziger Jahren hätten dem Leser die teils lächerlichen, teils aber auch gefährlich verzerrenden Abschnitte erspart und die Entstehung eines feuilletonistisch überzeichneten, aber konstruktiven Artikels ermöglicht.

Matthias Marckhoff, Münster

Dank für Ihren Artikel, der in vielem zutreffend ist. Die hohe Kunst des Erziehens ist ein Prozess, der nur dem gelingen kann, der ein Leben lang bereit ist, zu beobachten und die Beobachtungen zu eigenen, stets neuen Erkenntnissen wandelt. Dabei spielen vor allem Zeit und Ruhe eine zentrale Rolle. Beides ist im heutigen Umfeld des Kindes eine Rarität. Ist das Kind eingeschult, wird es einem Mechanismus unterzogen, der kaum mehr Rücksicht auf seine Bedürfnisse nimmt.

In einer Unterrichtsstunde verstummte einmal ein Schüler, der nach seinen Kenntnissen über Märchen befragt wurde. Seine Stimme stockte, blieb ganz weg, und Tränen traten ihm in die Augen. Später befragte ich ihn, und es stellte sich heraus, dass ihm kaum jemand jemals am Abend aus einem Buch vorgelesen hatte. In seinem Kummer spiegelte sich das innige Verlangen nach Zuwendung. Kinder, die Zuwendung erfahren, werden diese auch wieder an Personen und Dinge weitergeben, und die Frage nach Disziplin relativiert sich.

Die Rückkehr zu den so genannten alten Werten ist daher sicherlich berechtigt, wenn dies vor allem ein Sicherinnern an die eigene Kindheit bedeutet und an die kostbaren Augenblicke, wenn jemand kam, der einem aus einem Buch vorlas.

Hans Drahgeis, Pforzheim

Dienst am Zeitgeist

Dieser Artikel und seine Präsentation waren keine Sternstunde des ZEIT-Feuilletons. Was wollte Herr A. eigentlich sagen? Dass er Spaß daran hatte, Bernhard Bueb abzuwatschen, habe ich begriffen. Dass er das Buch aber mit Verstand gelesen hat, bezweifle ich. Das Ganze war eine überflüssige Polemik, die dort einfach nur schäbig war, wo er Bueb geistige Nähe zum Nationalsozialismus und den Ultrarechten unterstellte. Übrigens, lieber Herr A., wie soll die Schule (was Sie sich zu Recht wünschen) gesellschaftskritisches Denken vermitteln, wenn sich die Schüler der Zuhörbereitschaft und der Anstrengung geistiger Arbeit (= Disziplin) verweigern, was Sie ihnen ja empfehlen?

Ach, lieber A., si tacuisses

Dr. Dieter Mohrhart, Dassendorf

Wie abgehoben und weltfremd muss man sein, um in einem Feuilleton einer ernst zu nehmenden Wochenzeitung einen so subjektiven Artikel schreiben zu können und zu dürfen. Sollte es sich immer noch nicht bei den (Pseudo-)Liberalen der Postmoderne rumgesprochen haben, dass zwischen dem Weiß des ungezügelten Individualismus, des "Tu, was du willst!" und dem Schwarz der autoritären Persönlichkeitszerstörung der große Korridor der Erziehung zur Persönlichkeit liegt, ohne die der Mensch in kindlicher Affektivität orientierungslos im Meer der Anreize und des Konsumismus umhertreibt? Dazu gehört in jeder Kultur eine Art von Initiation, die niemals ohne Grenzziehungen auskommt.

Selbstdisziplin und Selbstorganisation gerade in einer Zeit des allgegenwärtigen und ungefilterten Rauschens der Medien und der Werbung verlangen Schulung in Disziplin. Lohnenswerter als eine Diskussion über "ob" oder "ob nicht" wäre und ist die Diskussion über "wie viel" Disziplin und unterstützende Tugenden wie Achtung, Achtsamkeit, Kritikfähigkeit.

Diese Art der Betrachtung scheint dem Autor fremd zu sein, damit outet er sich für mich als inkompetent in Erziehungsfragen. Leider steht zu befürchten, dass er vielfach beklatscht wird von all den frustrierten Spätachtundsechzigern (ich gehöre zu den Frühachtundsechzigern!), die den guten Ansatz dieser Zeit nie verstanden haben.

Dr. med. Dieter Stracke, Kreuztal

Dienst am Zeitgeist

Es ist schon frustrierend, wie der ZEIT-Geist die stets gleichen Pawlowschen Reflexe präsentiert:

Matthias Altenburg assoziiert bei pädagogischen Bemühungen, die auf Disziplin bauen, sofort NPD, Militarismus und Auschwitz. Wie (selbst)herrlich geistig bequem man sichs doch in einer ungemütlichen Situation machen kann.

Dr. Dirk Walter, Quierschied