Für einen Autor gilt das ungeschriebene Gesetz, dass seine Argumentation umso stichhaltiger sein sollte, je schärfer er seine Kritik formuliert. Wer vor dem Leser eine absurde Szene der Zukunft ausbreitet, in der der deutsche Bundespräsident "schwarz-rot-weiße Fähnchen schwenkt" und die Wiedereinsetzung Kaiser Wilhelms fordert, der sollte sich nicht wundern, wenn "dort draußen im Land" kein "riesengroßes Gelächter einsetzt". Vielmehr sollte er sich fragen, ob nicht auch er den unreflektierten Reaktionismus pflegt, dessen Phrasen er dem deutschen "Restbürgertum" so gerne in den Mund legt. Wie sonst, wenn nicht als Platitüden der Studentenbewegungen der sechziger und siebziger Jahre, sind Äußerungen zu deuten, denen zufolge sich jeder schuldig macht, der durch den Holocaust "kontaminierte" Begriffe wie den der Disziplin gebraucht. Ebenso grotesk mutet die Behauptung des Autors an, in der Bundeswehr seien "die Strukturen der Demokratie weitgehend außer Kraft gesetzt".

Ferner konstatiert er Zusammenhänge zwischen WM-Euphorie und NPD-Erfolg. Ein wenig mehr Disziplin bei der Recherche und ein wenig mehr kritische Härte gegenüber der eigenen Sozialisationsgeschichte in den sechziger Jahren hätten dem Leser die teils lächerlichen, teils aber auch gefährlich verzerrenden Abschnitte erspart und die Entstehung eines feuilletonistisch überzeichneten, aber konstruktiven Artikels ermöglicht.

Matthias Marckhoff, Münster

Dank für Ihren Artikel, der in vielem zutreffend ist. Die hohe Kunst des Erziehens ist ein Prozess, der nur dem gelingen kann, der ein Leben lang bereit ist, zu beobachten und die Beobachtungen zu eigenen, stets neuen Erkenntnissen wandelt. Dabei spielen vor allem Zeit und Ruhe eine zentrale Rolle. Beides ist im heutigen Umfeld des Kindes eine Rarität. Ist das Kind eingeschult, wird es einem Mechanismus unterzogen, der kaum mehr Rücksicht auf seine Bedürfnisse nimmt.

In einer Unterrichtsstunde verstummte einmal ein Schüler, der nach seinen Kenntnissen über Märchen befragt wurde. Seine Stimme stockte, blieb ganz weg, und Tränen traten ihm in die Augen. Später befragte ich ihn, und es stellte sich heraus, dass ihm kaum jemand jemals am Abend aus einem Buch vorgelesen hatte. In seinem Kummer spiegelte sich das innige Verlangen nach Zuwendung. Kinder, die Zuwendung erfahren, werden diese auch wieder an Personen und Dinge weitergeben, und die Frage nach Disziplin relativiert sich.

Die Rückkehr zu den so genannten alten Werten ist daher sicherlich berechtigt, wenn dies vor allem ein Sicherinnern an die eigene Kindheit bedeutet und an die kostbaren Augenblicke, wenn jemand kam, der einem aus einem Buch vorlas.

Hans Drahgeis, Pforzheim