Hertha Kräftner (19281951)

Beim weißen Oleander begruben sie das Kind und horchten miteinander, ob nicht der falsche Wind den Nachbarn schon erzähle, daß es ein wenig schrie, eh seine ungetaufte Seele, im Halstuch der Marie erwürgt, zum Himmel floh. Es roch nach Oleander, nach Erde und nach Stroh - sie horchten miteinander, ob nicht der Wind verriete, daß sie dem toten Knaben noch eine weiße Margerite ans blaue Hälschen gaben Sie hörten aber nur das Rad des Dorfgendarmen, der pfeifend heimwärts fuhr. Dann seufzte im Vorübergehn am Zaun die alte Magdalen: "Gott hab mit uns Erbarmen."

Renate Günther, Erika Wübbena (Hg.):

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100 Gedichte der beliebtesten Dichterinnen deutscher Sprache - mit einem Geleitwort von Eva Rühmkorf - Hamburger Haiku Verlag, Hamburg 2006 - 143 S., 12,90