Was ist gefährlicher für die heutige Sicherheitspolitik zu wenig oder zu viel Vorstellungskraft? Rechtzeitig zum fünften Jahrestag des 11. September 2001 hat das ehrwürdige Bulletin of Atomic Scientists in seiner September/Oktober-Ausgabe zwei Experten zu einem Pro und Kontra über die Wahrscheinlichkeit eines terroristischen Nuklearangriffs eingeladen unter dem Titel Nuclear 9/11. Dies ist der Kern ihres Streits: ob die Vereinigten Staaten sich auf einen solchen Schlag einstellen müssen weil er nicht auszuschließen ist, oder ob die Fixierung darauf die USA nur der Selbst-Terrorisierung ausliefert.

Graham Allison, Harvard-Professor und führendes Mitglied der internationalen strategischen Nomenklatura, artikuliert, was immer noch die herrschende Meinung unter Fachleuten und Politikern der USA ist: Ein solcher Angriff sei nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich. Weil er, sollte er erfolgen, zu schrecklich wäre, wird an die Wahrscheinlichkeit allerdings kein allzu strenger Maßstab gelegt: Allison schätzt sie in den kommenden zehn Jahren "nach bestem Wissen und anhand gegenwärtiger Trends" auf über 50 Prozent. Seine Gegenmittel sind die vollständige Sicherung aller noch auf russischem Territorium lagernder Sprengköpfe - ein Verbot neuer Anlagen für Urananreicherung und Wiederaufbereitung von Plutonium - und keine neuen Kernwaffenstaaten. Um dies zu erreichen, fordert er ein "Globales Bündnis gegen atomaren Terrorismus", bei dem Amerika und Russland den Anfang machen sollten.

Das ist so eingängig wie konventionell, und deshalb liegt der eigentliche Gewinn der Debatte in der von William Arkin formulierten Gegenposition. Arkin war schon in den Zeiten des Kalten Krieges ein ebenso lästiger wie detailkundiger Zweifler an offiziellen militärischen Kräftevergleichen und bürstet nun erneut erfrischend gegen den Strich: Die eigentliche Gefahr sei nicht ein terroristischer Atomangriff, sondern der politische Missbrauch, der mit der Angst davor getrieben werde.

Auch für Arkin ist das Undenkbare nicht auszuschließen. Sein Vorwurf an die Allison-Fraktion ist jedoch, dass sie ihre Behauptungen keinem Plausibilitätstest unterwirft und damit die Angst weiter schürt. Denn in Wahrheit habe die Gefahr atomarer Verbreitung nicht zu-, sondern abgenommen: Die Arsenale der einstigen Supermächte sind kräftig geschrumpft. Die Zahl der Staaten, welche die Technologie anstreben, ist kleiner als die jener, die sie aufgegeben haben. Die früheren Sowjetrepubliken haben alle ihre Bestände an Russland ausgehändigt.

A-Waffen-freie Zonen wurden in Lateinamerika, Asien und Afrika vereinbart. Der Handel mit nuklearen Stoffen wird heute stärker und erfolgreicher überwacht als je zuvor. " Die Beweislage deutet darauf hin, daß die Bedrohung durch atomare, chemische oder biologische Waffen heute geringer ist als bisher."

Für die Behauptung, eine terroristische Gruppe könne entweder von einem A-Waffen-Staat eine Bombe erhalten oder sie selbst entwickeln, gebe es angesichts der vielen Unwägbarkeiten keinen faktischen Gegenbeweis. Aber das bedeute doch nicht, dass nuklearer Terrorismus heute eine realistische oder auch nur die gewichtigste Nuklearbedrohung darstelle. Vielmehr führe die Fixierung auf diese Bedrohung schnurstracks in militärische Abenteuer à la Irak und fragwürdige Konzepte wie Raketenabwehr und Präventions-Rechtfertigung.

"Eine alptraumartige Bedrohung, die weder bewiesen noch gänzlich ausgeschlossen werden kann, ist ein starkes Schmiermittel für die Schlußfolgerung, das militärische Mittel sei nicht das letzte, sonderen das einzige."