Sie war über 50 Mal in Tschetschenien. Anna Politkowskaja hat sich dem Elend des Krieges rückhaltlos gestellt. " Warum so viel Besessenheit, Anna?", fragt André Glucksmann in seinem Vorwort zu ihrem Buch Tschétchénie, le déshonneur russe (2003). Und antwortet für sie: "Anna rettet eine Idee von Russland, jene, die Puschkin, Tolstoj, Dostojewskij und Tschechow uns lehrten, jenen unersetzlichen Teil von Menschlichkeit, ohne den unsere Zivilisation verstümmelt und verwaist wäre."

Eine kleine, elegante Frau. " Mein Gott, war sie tapfer!", erinnert sich ihr Londoner Verleger Christopher MacLehose. " Sie griff einen Feind an, der millionenfach stärker war als sie." Sie erstellten gemeinsam für das geplante Buch Putins Russia (2004) eine Liste von Missständen Bereicherung, Armut, Rechtslosigkeit, "sie lächelte, nahm die Liste, und ging an die Arbeit".

Sie schrieb über Dinge, wie sie die Menschen betrafen, die liebten sie dafür. Als das Moskauer Dubrowka-Theater im Jahre 2003 von Tschetschenen besetzt wurde, rief ein Musiker sie über Handy zur Hilfe, mit Zustimmung der Rebellen. Politkowskaja, die in Los Angeles war, flog sofort zurück, aber die militärische Eliteeinheit ließ sie nicht durch. 129 Menschen starben.

Anna Politkowskaja hatte Angst. Im Flugzeug verweigerte sie das Essen, man hatte versucht, sie zu vergiften. Im Hotelzimmer verschanzte sie sich. Menschenmengen waren bedrohlich, selbst solche, die sie ehrten, wie 2003 in Berlin. Esther Gallodoro von der Zeitschrift Lettre International hat die Szene beschrieben: "Sie steht allein auf der Bühne, vor sich das erhobene Publikum, das ihr applaudiert. Anna Politkowskaja hat den Lettre Ulysses Award gewonnen, der Saal feiert sie. Sie steht im Lichtkegel, eine Figur, von der eine unendliche Einsamkeit ausgeht. Und doch auch eine große Stärke durch den Ernst, mit dem sie einfach nur da steht und uns betrachtet."