Istanbul

Irgendwie fühlt man sich immer privilegiert, wenn man vor der großartigen Kulisse des Bosporus partnerschaftlich umarmt wird. So erging es der Bundeskanzlerin vorige Woche in der Türkei beim dortigen Premierminister Tayyip Erdoan. Vergangen schien die Zeit, in der Angela Merkel und die Türkei Welten waren, die nicht zusammenpassen wollten - verblasst die Wahlkämpfe, in denen die CDU-Chefin die Türkei nie und nimmer EU-reif sah, sondern ihr höchstens eine "privilegierte Partnerschaft" zugestehen wollte. Der Besuch Merkels in Istanbul und Ankara ist harmonischer ausgefallen, als mancher geahnt hätte. Doch folgt daraus schon eine neue Türkei-Politik der Kanzlerin?

Neue Ideen sind derzeit gesucht. In diesem Herbst steht Europa ein heftiger Streit mit der Türkei ins Haus, auf drei Schauplätzen. Die EU-Kommission in Brüssel bereitet einen kritischen Bericht über die türkischen Fortschritte in den Beitrittsverhandlungen vor. Frankreichs Parlament stimmt diese Woche über ein Gesetz ab, das die "Leugnung des Völkermords an den Armeniern" in der Türkei 1915 unter Strafe stellt.

Das griechische Zypern besteht darauf, türkische Häfen zu nutzen, während es jede Lockerung des Embargos gegen Nordzypern ablehnt.

Kleinigkeiten, könnte man denken, angesichts der historischen Herausforderung einer türkischen EU-Mitgliedschaft. Aber mitunter können ein paar lockere Schrauben ein ganzes Schiff lahm legen.

Am Bosporus scheute Tayyip Erdoan keinen Aufwand, sein Verhältnis zur Bundeskanzlerin voranzubringen. Gemeinsames Fastenbrechen bei Sonnenuntergang, eine romantische Bootsfahrt auf den Wellen, die Asien und Eu-ropa trennen, ein höflicher Plausch, auch Dialog genannt, mit den Vertretern von türkischen Muslimen, Christen und Juden in einem Palast am europäischen Ufer des Bosporus.

Konnten Merkel und Erdoan die heiklen Fragen entschärfen? Das Völkermordgesetz, das in Paris zur Abstimmung steht, wächst sich aus zum französisch-türkischen Sonderkonflikt, der außerhalb Merkels Reichweite liegt. Auch Zypern ist fern. In dieser Sache indes pochte die Kanzlerin darauf, dass die Türkei die lange zugesagte Öffnung ihrer Häfen und Flugplätze für das griechische Zypern umsetze.