Die Zeit brennt. Sorge erfüllt unser Herz und unser Land. Auch der designierte Bundeskanzler Kurt Beck ist von Kummer gebeugt und von Verdruss beschwert. Am Wochen ende schaute er von der Dachluke des Willy-Brandt-Hauses ins deutsche Land und erblickte ringsum »ein wachsendes Unterschichtenproblem«. Viele Menschen, sagte Herr Beck traurig, hätten das Ansinnen aufgegeben, den Aufstieg in die bürgerliche Mitte zu wagen. Warum nur? Ist es nicht mehr reizvoll, Abitur zu machen, um dann in malerischen Städten gegen eine hauchzarte Studiengebühr bei Wein, Weib und Gesang ausführlich eine bürgerliche Wissenschaft zu studieren? Ist es nicht mehr verlockend, ins Berufsleben einzutreten, um sich rasch einen der vielen Praktikumsplätze zu ergattern, den Anker fürs Leben? Ruck, zuck sind die Studienschulden abgezahlt, und der Mensch ist am Ziel seiner Wünsche. Wer einen Praktikumsplatz besitzt, ist nämlich privilegiert gegenüber demjenigen, der ihn nicht besitzt. Er hat ein Dach über dem Kopf und muss nicht unter Brücken schlafen. Er muss nicht frieren und im Winter Kerzen aufstellen. Es gibt elektrisches Licht an jedem Arbeitsplatz, fließend Wasser und ein persönliches Kaltgetränk nach Wahl. Ein Praktikant ist nie allein. Bald heiratet er eine schöne Praktikantin und praktiziert ein Praktikantenbaby ins gemeinsame Nest. Überstunden und Nachtarbeit (»Aktiv plus«) ersparen den langen Heimweg in die Vorstadt, auch das Kindergeschrei daheim. Läuft die herrliche Praktikumszeit ab, sucht man sich einfach ein neues Praktikum, so lange, bis Herr Riester mit der Rente winkt. Kinder, wie die Zeit vergeht! Wie schrecklich war dagegen das Leben im 19. Jahrhundert. Damals versuchte die bürgerliche Gesellschaft, arme Menschen zu befähigen, gänzlich auf Nahrung zu verzichten, doch dann sind diese Menschen vierundzwanzig Stunden vor dem Tage gestorben, bevor sie sich zum ersten Male ausschließlich von der Luft ernähren sollten. Und musste der berühmteste aller Praktikanten, unser Oliver Twist, nicht deshalb seine Tage im Kohlenkeller verbringen, weil er sich erdreistet hatte, hungrig zu sein? Heute futtert jeder Praktikant in der Kantine, und im Bedarfsfall hat er Anspruch auf ein anständiges Begräbnis in Gottes freier Natur. Ja, es hat sich viel verbessert, nur die Unterschichten haben es noch nicht bemerkt. Sie finden das bürgerliche Dasein nicht praktikabel, sie wollen nicht aufsteigen, nicht in die Wärme und nicht ans elektrische Licht. So verpfuschen die Unterschichten ihr Leben. Praktisch ist das aber nicht! Finis

Audio: www.zeit.de/audio