Ist das nun eine gute Nachricht oder das Signal für eine Krise? Der Internet-Konzern Google übernimmt ein Unternehmen mit 67 Mitarbeitern und bezahlt dafür etwa 1,65 Milliarden Dollar. Google, bekannt für seine gleichnamige Suchmaschine und eine weltweit dominierende Stellung auf dem Markt für Online-Werbung, zahlt in eigenen Aktien, um diese Firma namens YouTube unter Kontrolle zu bringen. YouTube gilt als das führende Internet-Portal für Videos, was sich in folgenden Zahlen niederschlägt: Internet-Nutzer sehen sich auf der Website des Unternehmens täglich 100 Millionen Videos an, und sie speisen täglich 65000 weitere ein. Das macht YouTube zu einem Medienunternehmen der neuen Art. Es lebt davon, dass die Zuschauer, oder zumindest viele von ihnen, selber den Inhalt liefern.

Man könnte YouTube aber auch anders nennen: Piratennest. Die Firma ermöglicht auf ihren Seiten vermutlich die größte und weitreichendste Verletzung von Urheberrechten, die es je im Internet gegeben hat.

Längst führen die Nutzer von YouTube einander nicht mehr nur private und selbstgemachte Filmchen vor. Sie veröffentlichen vielmehr Mitschnitte aus Kinofilmen und aus dem Fernsehen und zeigen sich Musikvideos bekannter Künstler in unbekannter Zahl.

Nicht von ungefähr gaben Google und YouTube zeitgleich mit ihrer Einigung bekannt, es gebe frische Verträge mit den vier weltweit dominierenden Musikkonzernen Universal Music, Warner Music, EMI und SonyBMG. Mit der Musikindustrie sind mithin kaum noch Konflikte zu erwarten. Die vier Konzerne teilen rund 75 Prozent des Musikmarktes unter sich auf.

Zweifellos ist das ein geschickter Schachzug des Google-Managements.

Anders als die Chefs in der Film- und Fernsehbranche sind die Spitzen der Musikkonzerne erfahren im juristischen Kleinkrieg gegen Internet-Unternehmen. Seit Jahren erwehren sie sich diverser Tauschbörsen, unter denen die bekannteste wohl Napster hieß. Auf der anderen Seite haben die Musikkonzerne eigentlich ein Interesse daran, dass die von ihnen finanzierten Musikvideos auf YouTube gezeigt werden. Solche Videos werden ohnehin zu Werbezwecken für die Bands und ihre Musik erstellt. Globale Musikfernsehsender wie MTV zeigen immer weniger Musikvideos und immer mehr Shows und Serien mit Titeln wie Pimp my Ride. Also werden Sendeplätze für diese Art von Werbung im Fernsehen rar.

Damit endet allerdings die geniale Seite des Deals und die Risiken beginnen. Vor allem die globale Fernsehindustrie wird sehr genau beobachten, wie sich YouTube entwickelt. Sollte sich herausstellen, dass die Zahl der YouTube-Nutzer weiter so schnell wächst wie bisher und dass sie sich dort kopiertes Material anschauen, das zuvor im Fernsehen zu sehen war, wird es für den neuen Besitzer Google gefährlich. Denn wenn die Zuschauer YouTube zuströmen, folgen auch die Werber. Dann wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die größten Fernsehkonzerne der Welt, die wiederum zu den größten Medienkonzernen gehören, Milliardenklagen gegen das Video-Portal und damit gegen Google anstrengen.