Eigentlich hätte er sich auf der Buchmesse feiern lassen und danach einen Triumphzug durch französische Buchhandlungen unternehmen können. Denn mit über 170000 verkauften Exemplaren seines Romans Les bienveillantes ("Die Wohlwollenden", Besprechung in der ZEIT 39/06) in nur zwei Monaten hat Jonathan Littell einen Erfolg, wie ihn französische Autoren seit Houellebecq nicht erlebten. Der 39 Jahre alte Debütant gilt als Anwärter auf sämtliche Literaturpreise, die Kritik hat seinen Roman längst in den Rang von Weltliteratur gehoben, und allein für die deutschen Übersetzungsrechte soll der Berlin-Verlag 400000 Euro gezahlt haben.

Doch anstelle von öffentlichen Siegesfeiern hält Littell sich zurück.

Im August gab er ein paar französischen Zeitungen viel beachtete Interviews. Aber damit ist längst Schluss. Alle Anfragen von Talkshows oder Literaturmagazinen lehnt er seitdem ab. Offensichtlich sollen sich die Leute erst einmal um sein Buch statt um seine Person kümmern.

Nur vier öffentliche Auftritte absolviert er in ganz Frankreich. Seine jüngste Signierstunde in Paris ist so schlecht angekündigt, dass sich in den riesigen Bücherkellern des Virgin Stores auf den Champs-Élysées kaum hundert Eingeweihte verlieren. Kameras und Tonbandgeräte sind nicht zugelassen, ein zappeliger Moderator versucht, den Autor zu befragen. Doch angesichts der einsilbigen Antworten von Littell ("Nein", "Ja", "Weiß ich nicht") kapituliert der Interviewer nach einer Viertelstunde und lässt die Leser vor, die sich mit dem ziegelsteindicken Buch in der Hand ihre Widmung holen.

Stilisiert sich da einer wieder zum Literaturrebellen oder zum geheimnisumwitterten Genie? Oder hat der Autor etwa nichts zu sagen?

Nichts davon. Littell sieht aus wie der jüngere Bruder von Sean Penn, allerdings dunkelblond, blauäugig und mit Ohrring. In seinem zerknitterten Cordanzug wirkt er jungenhaft und grundsympathisch. In seiner dezidierten anti people-Haltung liegt überhaupt nichts Versnobtes aber auch nichts Dämonisches, wie man es von einem Verfasser derartiger Monstrositäten eigentlich erwartet. Sein Erstlingswerk sind die fiktiven Memoiren eines SS-Offiziers, der wie eine apokalyptische Version von Woody Allens Zelig an allen Schauplätzen der Ostfront zugegen ist, von den Massakern in der Ukraine und dem Winterkessel in Stalingrad über Auschwitz-Birkenau bis zum Berliner Führerbunker. Er begegnet der gesamten Nazi-Spitze und schildert die Organisation des Holocaust mit einer Präzision, die selbst Historiker staunen lässt.

Der gebürtige New Yorker Jonathan Littell ist Sohn des amerikanischen Bestsellerautors Robert Littell und einer französischen Mutter, ging in Frankreich zur Schule, studierte Literaturwissenschaft in Yale und schreibt auf Französisch. Bis 2001 arbeitete er für eine humanitäre Hilfsorganisation an den Kriegsschauplätzen von Bosnien und Ruanda bis Tschetschenien. Bei der Schilderung der monströsen Brutalitäten der Nazis und ihrer Kollaborateure, sagt er nach der Signierstunde, habe er auch eigene Erfahrungen als Augenzeuge von Gräueltaten verarbeitet.