Ein Bild zum Abschied. Ein Gemälde des Kassler Klassikers Johann August Nahl des Jüngeren (1752 bis 1825) aus Kassels Neuer Galerie. Oskar Pastior hat es in einen seiner letzten poetischen Texte verwandelt. Er hat es aufgelöst in Assoziationen und Alliterationen, hat es übermalt und weiterwuchern lassen, lustig bildungsklappernd und unendlich virtuos, ins schwindelnde Nichts. Am Bruhuder Laudaubler können wir noch einmal studieren, erleben, wie Pastior buchstäblich und alphabetisch alles in Text verwandelt hat. Denn für diesen einzigartigen Dichter gab es – jenseits der körperlichen Evidenz, jenseits von Lust und Schmerz – keine Welt und kein Leben, die nicht aus der Sprache kommen und wieder zu Sprache werden können. Zum Wort im Anfang, dahin zog es ihn zurück mit seinen Arbeiten, "floreal wie linear", bis zuletzt – bis zu seinem plötzlichen Tod am 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main, wenige Tage bevor ihm der Büchnerpreis verliehen werden sollte.

Diese Sucht war seine Kunst. Geübt hat er sie schon als Kind. "Jalusien aufgemacht, Jalusien zugemacht", lautet sein erstes Gedicht, sozusagen gleich nach dem Sprechenlernen. In Hermannstadt in Rumänien wurde er geboren, am 20. Oktober 1927. Das Kind erlebte den Faschismus, der junge Mann den Stalinismus: Noch keine 18 Jahre alt, wurde er zusammen mit vielen anderen Siebenbürger Sachsen zum Wiederaufbau der kriegsverwüsteten Sowjetunion in die Ukraine verschleppt und musste fünf Jahre lang Zwangsarbeit leisten. Er kehrte zurück, quälte sich als Rundfunkredakteur in Bukarest, bis er 1968 Ceauşescus gespenstischem Reich entfloh. Vom Sichersten ins Tausendste heißt der Gedichtband, den er ein Jahr darauf in der Bundesrepublik, bei Suhrkamp, veröffentlichte.

Oskar Pastior las Wörterbücher wie andere Börsenseiten oder historische Romane. Er kannte die Metren, die Schemata, hat "Sonetburger" gebraten und Villanellen getanzt, hat Sestinen geklöppelt und seinen "krimgotischen Fächer" gespreizt, dass die wundersamsten Idiome nur so funkelten. Mitverschwörer der pataphysischen Künstlergruppe Oulipo, zu der Raymond Queneau und Italo Calvino gehörten, und vertraut mit allen Avantgarden Europas seit Petrarca, hat er gern auch aus anderen Sprachen übersetzt, manchmal direkt ins Pastiorsche. Er hat, durch so viel Formen schreibend (und zeichnend!), in seinem Sprachlabor, halb künstliches Paradies, halb Spielhölle, ein jedes durch- und ausgespielt, vom Palindrom bis zum Pantum, "ein bissel historisch und ein bissel immun". Fünf dicke Bände wird seine Werkausgabe bei Hanser umfassen, drei Foliäntchen sind bereits erschienen.

Was "Sprachbeherrschung" wirklich ist, im Wortlaut und im Lautwort, wie man der Sprache, als ihr Herr und Knecht, als Forscher und Bettler zugleich, alle Geheimnisse abpresst, abjömert, heimlich ablauscht – das allerdings lernt man bei ihm wie bei einem fernöstlichen Meister. Bräsige Stilglossisten und Kämpfer gegen "das falsche Deutsch" waren diesem Lingualexistenzialisten ein Witz, unsere orthografischen Hausmeister ein Gräuel.

Geld hatte er wenig. Er lebte in einem einzigen großen Zimmer in Berlin, ging oft auf Lesereise durch Deutschland und Europa, das Publikum hing ihm an den Lippen. Und so wird Oskar Pastior vielen denn auch vor Augen und Ohren bleiben: als ein grandioser Artist, höflicher Anarchist, ein stillvergnügter Universal-, ein lautmalender Universumspoet, leuchtend im Silbengestöber, im Wörterglück. Kein Bild des Abschieds. Benedikt Erenz

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