Bestimmt wäre er dagegen gewesen. Gegen den Kult, gegen den Fetisch namens Gestern. »Vergesst die Gewohnheiten!«, das hatte er doch immer gerufen. »Vergesst die Tradition!« Schließlich wollte er frei sein, befreit von Geschichte. »Die ganze Poesie der Vergangenheit sollte am besten im Tresor verschwinden, im dritten Untergeschoss einer Bank.« BILD BILD BILD An der QUELLE DES LICHTS - die Kirche St. Pierre im südfranzösischen Firminy, außen rau, innen voller Geheimnis

Bestimmt wäre er dagegen gewesen: nun ausgerechnet seinen Poesie-Tresor zu knacken, die längst vergessenen Pläne für eine Kirche herauszuholen und daraus ein furioses Denkmal zu formen, für ihn, für Le Corbusier, 40 Jahre nach seinem Tod. Na ja, vielleicht wäre er doch dafür gewesen.

Denn das, was jetzt bevorsteht, ist eine Art Auferstehung, und da kann selbst ein Prophet des Neuen sich selber untreu werden. Lange hatte Le Corbusier, der bürgerlich Charles Jeanneret hieß, für diese Kirche gekämpft, hatte mit Bischöfen, mit Bauräten gerungen. Er konnte nicht verstehen, warum sie ihm nicht blind vertrauten, wo er doch damals schon, Anfang der Sechziger, vielen als einflussreichster Architekt des Jahrhunderts galt, ein Revolutionär der Baukunst. Zwei viel bewunderte Kirchen hatte er gebaut, in Ronchamp und Éveux, nun sollte daraus eine Trias werden, architektonische Dreifaltigkeit. Doch in Südfrankreich, in Firminy, einem Bergarbeiterstädtchen mit 20000 Menschen nahe Lyon, fehlte das Geld. Als Le Corbusier 1965 starb, waren die Pläne für St. Pierre beerdigt. So schien’s.

Fünf Jahre später ein erstes Hoffnungszeichen: Freunde, Förderer, Mitarbeiter hatten gesammelt, sie legten den Grundstein, ein Sockel wuchs, dann ging die Baufirma Bankrott. Seither war großes Warten, manche in Firminy hofften auf Vollendung, die meisten aber wünschten sich den Abriss, damit das hässliche Ding, dieser U-Boot-Bunker, endlich wegkam. Bis heute sind hier Le Corbusier und seine Baumoderne ziemlich verrufen. So viele Häuser wie nirgendwo sonst in Europa hat er in Firminy geplant, ein Kulturzentrum, ein Sportstadion, eine seiner Wohnscheiben. Doch das, was die Bauten einst begründen sollten, ein grünes Leben für die graue Kohlestadt, sieht heute schwer mitgenommen aus. Überall schießen Hochhäuser empor, Reihenhäuser, Turnhallen, und mitten in diesem Trübsinn, zwischen Einkaufszentrum und einer dichtgemachten Tankstelle, nun die neue Kirche.

So fremd sieht diese Kirche aus, als sei sie aus der Welt gefallen

Ja, sie steht wirklich. Woran niemand mehr glaubte, ist passiert: Sie erhebt sich gen Himmel. In dieser Woche wird sie übergeben an die künftigen Nutzer und kommenden Monat schon geweiht. Unfertig sieht sie allerdings immer noch aus und verschroben sowieso. Ein wenig wie ein Kühlturm oder doch wie ein Vulkan? Eine Riesensandburg? Ein Gottessilo?

Als Kirche jedenfalls ist dieser in sich verzogene Zylinder kaum zu erkennen, nur weit oben auf dem Dach, fast schamhaft, trägt er ein winziges Kreuz. Mehr braucht es aber auch nicht, denn ohnehin sieht jeder: Dieser Bau ist aus der Welt gefallen, er passt in kein irdisches Raster.