DIE ZEIT: Hohe Arbeitslosigkeit, grassierende Jugendgewalt war Deutschland eine Illusion?

Ewald Becker: Je nachdem, warum man aussiedelte. Was für ein Ziel man sich setzte. Wir kamen 1992. Damals konnte, wer wollte, hier Arbeit finden. Darum ging es manchen. Rasch viel leicht verdientes Geld haben. Uns ging es darum, als Deutsche unter Deutschen zu leben.

Endlich anerkannt zu sein als der, der man war, das war der Traum meiner Eltern dass es der nachfolgenden Generation einmal besser gehen sollte. Die Kinder sollten nicht auch erleben müssen, für ihre deutschen Namen verprügelt zu werden.

ZEIT: Haben Sie das geschafft?

Becker: Ich denke, ja.

ZEIT: War es schwer?

Becker: Für mich stand immer die Familie im Vordergrund. Mein Vater war 13, als die Deutschen von der Wolga nach Kasachstan deportiert wurden. Alle Jungen ab 14 mussten fort, in die Kohlengruben. Einer floh auf dem Weg zum Bahnhof, da machten sie eben einen 14-Jährigen aus meinem Vater, und er musste mit in den Schacht als er nach fast fünfzehn Jahren entlassen wurde, war er ein kranker Mann. Er starb mit 53, da war ich erst 19. Das saß tief. Davon, als Deutscher ungehindert leben zu können, träumte er. Dieser Wunsch war in mir lebendig, als die Sowjetunion zusammenbrach.