Drei Schauspieler sitzen im TV-Studio und warten auf ihren Auftritt. Gleich werden sie in einer Kultursendung über die Grenzen der Theaterkunst diskutieren. Sie wissen, wovon sie reden. Zwei der Männer haben sich als Hitler-Darsteller bewährt, der dritte ist als Goebbels-Darsteller zu Ansehen gekommen. Der Beginn der Sendung verzögert sich, also kommen sie ins Fachgespräch. Sie sagen Sätze wie "Ohne Schweizer Pass hätte ich Hitler nie spielen wollen" oder "Ich habe bei jedem Bissen die Vernichtung mitgespielt!".

Rasch gibt es Streit zwischen dem Goebbels-Spieler und dem alten Hitler-Darsteller. Der Goebbels-Spieler liebt das Regietheater ("Wir können doch nicht mehr wie vor hundert Jahren, ich meine, Texte aufsagen"). Der Hitler-Darsteller hingegen verteidigt das werktreue Theater ("Künstlerische Freiheit der Regie!? Als sei das eine Freiheit, wenn sich an den Theatern Abend für Abend ein paar narzißtisch überdrehte Provokationsdeppen in ihren Selbstbespiegelungen suhlen!").

Später bekennt der Goebbels-Spieler, wie froh er sei, heute ohne Polizeischutz auszukommen. In Göttingen nämlich, wo er in einem Stück nackt auf der Bühne knien und Seiten aus dem Koran reißen müsse, hätten gewisse Leute die Botschaft des Abends fehlinterpretiert: "Die, die uns die Morddrohungen geschickt haben, haben nicht verstanden, daß wir doch auf ihrer Seite sind."

Die Sätze stammen aus dem neuen Stück von Theresia Walser, Ein bißchen Ruhe vor dem Sturm, das jetzt am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt worden ist. Ein tolles Stück! Es beleuchtet in nur 45 Minuten die schönsten Diskurs-Schlangengruben und Tabu-Nesselfelder, in denen die darstellenden Künste zurzeit herumtappen. Es geht erstens um die Problematik des Bösen auf der Bühne (verharmlost man Hitler eher, indem man sich warm in ihn einfühlt oder indem man ihn sich eisig vom Leibe hält?). Es geht zweitens um die Kunstfreiheit-über-alles-Debatte (muss man auf der Bühne Rücksicht auf fremde Kulturkreise nehmen, auch wenn die gar nicht ins Theater gehen?). Und drittens um die auch in der ZEIT hitzig geführte Regietheater-contra-Werktreue-Debatte (Seite 50).

Die drei Künstler in Walsers Stück tragen diese Konflikte tollkühn aus. Es sind Wahrhaftigkeitssimulanten und Autonomieclowns in den Fesseln von Jargon und Betrieb. Unsere Stellvertreter auf der Bühne, man muss sie lieben. Im Gespräch dieser drei umrundet das Theater sich selbst und lacht.

Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht hat über das amerikanische Gruppenlachen geschrieben, es sei wie das Lachen, mit dem alle Folgen der TV-Westernserie Bonanza endeten. Das Abendlachen müder Menschen, die, nachdem sie die Zivilisation weiter in die Wildnis vorangetrieben haben, Ruhe finden und jeden begrüßen, der mitarbeiten möchte. Gumbrecht sagt, das Bonanza-Lachen sei eine Einladung, ein "Hereinlachen".

Auch das Lachen, das aus Theresia Walsers kleinem Stück aufsteigt, ist ein Hereinlachen. Es ist das Lachen müder Künstler (und erfrischter Zuschauer), die am Ende des Tages, nachdem sie die Bühne gegen die Wildnis verteidigt haben, feststellen, dass ihnen der Kampf Spaß macht. Witz als Einladung: Wer gewillt ist, sich weder von Angst dumm noch vom Vorurteil blind machen zu lassen, der ist hier willkommen.