Nordkorea ist weit weg. Auch Iran liegt nicht in unserer Nachbarschaft. Europa pflegt mit beiden Ländern keine Feindschaft. Weshalb sich die Frage erhebt: Die Nuklearkrisen um Nordkorea und Iran sind zwar hässlich, und den Menschen in den betreffenden Regionen ist ihr glimpflicher Ausgang zu wünschen – aber sind unsere Interessen betroffen?

Leider ja. In Wahrheit sind es Facetten ein und derselben Krise. Einsturzgefährdet ist das gesamte System internationaler Beziehungen und Verträge, das die Weiterverbreitung ("Proliferation") von Atomwaffen verhindern soll. Es stammt noch aus einer Zeit der Übersichtlichkeit, nämlich des Kalten Krieges; heute aber treten Regionalmächte auf den Plan, die ihre Machtinteressen ohne jegliche Einordnung in ein Ost-West-Schema verfolgen. Und das weltweite Wiederanspringen der Atomwirtschaft gibt ihnen ebenjene Energietechnik in die Hand, die sich zur fürchterlichsten Waffe umsetzen lässt.

Atomphysik kennt Kettenreaktionen, Atompolitik leider auch. Sollte Nordkorea tatsächlich Nuklearmacht werden, dann könnten auch Japan und Südkorea versucht sein, diesen Weg zu gehen, und es bliebe zu hoffen, dass die USA wenigstens Taiwan davon abhalten (wegen China); Australien mag folgen, später vielleicht Indonesien. Und falls Iran nuklear rüsten sollte, dann dürfte Israel sich offen als Atommacht deklarieren, woraufhin mit Ägypten, Saudi-Arabien, womöglich Syrien und Algerien und vermutlich der Türkei zu rechnen wäre – Letzteres ein Fall, der den Russen nicht gleichgültig sein dürfte. Hinzu kommt, dass die Fälle Nordkorea und Iran miteinander verwoben sind. Beide hatten mit demselben pakistanischen Netz des Nuklearschmuggels Kontakt. Teheran bezieht Raketentechnik aus Pjöngjang, das wiederum dringend Geld benötigt– warum also nicht Spaltmaterial an die Mullahs verkaufen? Überdies achten iranische Politiker genau darauf, wie sich die Mitspieler des asiatischen Atompokers derzeit verhalten. Kommt Kim Jong Il durch mit seinen Provokationen? Wie verläuft das Spiel zwischen den USA und China? Schon senden Teheraner Ultras Signale der Sympathie nach Pjöngjang. Länder, "die unter permanenter Bedrohung der vorherrschenden Mächte stehen wie Nordkorea", schreibt beispielsweise die Tageszeitung Kayhan, hätten "scheinbar keine andere Wahl, als ihre Verteidigungspotenziale zur Abschreckung gegen die gefährlichen Pläne des Großen Satans und seiner teuflischen Stellvertreter aufzurüsten". Der Chefredakteur des einflussreichen Blatts liegt damit insofern richtig, als es wirklich um die weltweiten Machtverhältnisse geht. Und deren Neuordnung ging in der Geschichte nie friedlich vonstatten.

Wer die Bombe hat, gehört zu den Großen. Das ist keineswegs bloß Ideologie; nichts im Verhalten der fünf Atommächte Amerika, Russland, Großbritannien, Frankreich und China deutet darauf hin, dass in ihren Augen die Atomwaffen an politischem Wert verloren hätten. Die fünf sind die Vetomächte des Weltsicherheitsrates, die bestimmenden diplomatischen Bezugspunkte, die militärischen Schwergewichte. In einer Staatenwelt, die aufgrund der Globalisierung mehr vertikale Mobilität erlaubt, gilt dies vielen Aufstrebern als spätkolonial, und es ist ein Wunder, dass der Atomwaffensperrvertrag, der auf dieser distributiven Ungerechtigkeit beruht, bis heute überhaupt Bestand haben konnte.

Der 1968 unterzeichnete Pakt gesteht nur diesen fünf Mächten Atomwaffen zu und verpflichtet sie zur Abrüstung sowie dazu, den anderen bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie zu helfen. Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien (IAEA) wurde beauftragt, die nötigen Kontrollen durchzuführen und die kerntechnische Hilfe zu koordinieren. Kommt es zu Konflikten, die innerhalb der IAEA nicht zu lösen sind, wird der UN-Sicherheitsrat eingeschaltet. Weitere Abmachungen und Bündnisse sollen den Export potenzieller Atomwaffentechnik kontrollieren und den Nuklearschmuggel unterbinden.

Alles das hat während des Kalten Krieges einigermaßen gehalten. Die Befürchtung, binnen weniger Jahrzehnte könnte es 20 oder gar 30 Atommächte geben, realisierte sich nicht; es kamen mit Indien, Pakistan und Israel nur drei hinzu, schlimm genug, aber überschaubar. Südafrika, Brasilien, Argentinien und Libyen konnten vom Weg zur Bombe abgebracht werden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gaben Weißrussland, Kasachstan und die Ukraine die auf ihren Territorien befindlichen Kernwaffen an Russland ab. Im Jahr 1995 wurde der Atomwaffensperrvertrag auf einer Überprüfungskonferenz entfristet und gilt seither bis in alle Ewigkeit, oder doch zumindest, soweit das Völkerrecht reicht.