Wir leben in einer Welt der Konfrontationen und Kontrahenten. Entweder man hat es in der Oper mit altbackenen Inszenierungen zu tun oder mit zeitgeistig pointierten. Dazwischen scheint es nichts zu geben, weder auf der Bühne noch in unseren Köpfen. Vielleicht hätte Lars von Triers Idee von Wagners Ring einen neuen, zukunftsweisenden Mittelweg enthüllt: ästhetische Kühnheit, gepaart mit der nötigen Demut und Respekt vor dem Text. Es scheint, dass wir dafür noch nicht reif sind, allen Krisen zum Trotz. Aber wir müssen zu einer neuen Verschränkung der Extreme finden. Das "Regietheater" extremer Machart war zweifellos eine wichtige Erfahrung. Es hat unser Leben und unsere Diskussion unerhört bereichert. Aber jetzt, fast vierzig Jahre nach 1968, muss es möglich sein, gewisse Phänomene zu kritisieren, ohne als satt, dumpfbackig und mutlos in die nächste Ecke gestellt zu werden.

Theater wird fürs Publikum gemacht. Wenn Teile des Publikums dauerhaft wegbleiben, dann muss uns das ernstlich zu denken geben. Natürlich ist das Theater moralische Anstalt, natürlich haben wir einen Bildungsauftrag. Viele scheinen allerdings vergessen zu haben, dass diese Bildungs- und Erziehungsarbeit die Menschen auch erreichen muss.

Sonst befriedigt das Theater einzig und allein sich selbst. Es geht nicht um die nackte Kunst. Es geht um ihre Vermittlung. Da stehen wir in der Pflicht.

Jahrzehntelang spielte Verdis Traviata im Salon. Heute spielt sie am Bahnhof Zoo. Was mich daran interessiert: Ist alles, was dem Postulat der Aktualisierung, der ästhetischen Vergegenwärtigung nicht gehorcht, von vornherein falsch? Sind wir so ideologisch? Und: Hält mich ein zweiter Akt der Meistersinger, der hinter der Nürnberger Butzenscheibe spielt und nicht in der Kleiderkammer der Bundeswehr, tatsächlich von der Oper ab, und zwar so, dass ich nichts mehr damit anzufangen weiß?

Natürlich habe ich mich als Künstler mit den verschiedenen Valeurs der Stücke auseinander zu setzen, und natürlich zeitigt das höchst unterschiedliche Ergebnisse. Aber es darf nicht sein, dass die Musik nichts mehr wert ist. Viele Regisseure, das hat mich meine Erfahrung gelehrt, haben kein Vertrauen in die Musik. Weder in ihre Kraft noch in ihre Klugheit. Da fehlt es an Selbstbewusstsein. Und an der Bereitschaft, den Dialog mit dem Dirigenten zu suchen, sich auch in musikalische Dinge einzumischen.

Es ist in den vergangenen dreißig Jahren ungeheuer viel über Regie gestritten worden und vergleichsweise wenig über Musik. Das Genre, um das es hier geht, aber nennt sich Musiktheater, und es meint Musik auf höchstem theatralischem Niveau. Das Genre heißt nicht "Regietheater", der Begriff ist so absurd wie "Musikoper". Vielleicht hat das Musiktheater es sich auch ein bisschen leicht gemacht.

Inspiriert und infiziert vom Schauspiel, trachtete man danach, die eigene Kunstleistung, die "Interpretation" über den Grad des jeweiligen Eingriffs in ein Werk zu legitimieren, über seine Übersetzung. Ob Goethes Faust nun nuschelt oder das Stück auf eine Spieldauer von einer Dreiviertelstunde zusammengestrichen wird, mag eine Frage der Dramaturgie sein und der künstlerischen Notwendigkeit: Es funktioniert. In der Oper funktioniert das nicht. Wer Brangäne im Tristan für eine überflüssige Rolle hält oder den Grafen im Figaro für einen dummen Hund, der hat sich trotzdem an die Noten zu halten, an den musikalischen Körper des Ganzen. Die Musik setzt Grenzen. Selbst wenn es nur um eine Instrumentierung geht oder darum, eine Gesangspartie zu transponieren, sofort stehen wir vor der Alternative: Original oder "Fälschung". Manchen mag das als Korsett erscheinen. Ich nenne es das schöne Bett der Partitur.