"Sie werden verstehen", sagt Horst Seehofer und grinst, "dass ich bei der Gefühlswelt, die wir in Deutschland haben, nicht spekuliere." Es geht gerade nicht um die Fleischmafia oder ähnliche Ärgerlichkeiten unterer Dimension, nein, es geht um die Frage, ob die Lebensmittelkontrolleure in Deutschland ihre Aufgabe erfüllen, und damit: um das Verhältnis zwischen Bund und Ländern. Vermintes Terrain also. Seehofer ist nicht Gesundheitsminister, lange nicht mehr, aber der Zwist um die Gesundheitspolitik wirft seine Schatten bis in den überfüllten Besprechungsraum 3.28 im Verbraucherministerium. Der Bundesminister erläutert, was sich nach dem Gammelfleisch-Skandal verbessert hat. Neben ihm steht ein Abteilungsleiter. Seehofer überragt ihn locker um Haupteslänge, obwohl der Mann nicht klein ist.

Es wirkt eher so, als sei Seehofer für den Raum zu groß.

Andere Politiker haben auf ihrer Homepage eine kurze Biographie. Bei Horst Seehofer kann man auf einer Zeitleiste Jahreszahlen anklicken, um zu weiteren Informationen über Seehofer und "das entsprechende Zeitgeschehen" zu kommen. 1949 wird Seehofer geboren, das entsprechende Zeitgeschehen: Das Grundgesetz wird als "vorläufige Verfassung" verabschiedet, Adenauer wird zum ersten Kanzler der Republik gewählt. 1969 tritt Seehofer in die JU ein,Neil Armstrong fliegt auf den Mond und Willy Brandt wird erster SPD-Kanzler.

1985 heiratet Horst Seehofer seine Frau Karin und Boris Becker gewinnt Wimbledon, 1994 wird Horst Seehofer CSU-Vize, die Russen ziehen aus Ost-Berlin ab, Honecker stirbt und Schumi wird erster deutscher Formel-Eins-Weltmeister. So schön hätte es weitergehen können, aber dann kommt 2005. Seehofer wird Verbraucherminister, Johannes Paul II stirbt und Deutschland wird Papst. 2006: Kein Eintrag.

Weil Seehofers politisches Leben aber nicht wirklich mit dem neuen Amt zu Ende gegangen ist, steht er jetzt in diesem kleinen muffigen Raum und stellt einen "unterstützenden Rahmenvorschlag" seines Hauses für die Verbesserung der Lebensmittelkontrolle in den Ländern vor. Die nämlich, daran lässt Seehofer keinen Zweifel, ist schlecht, sowohl qualitativ als auchquantitativ und bedürfe einer grundlegenden Verbesserung, "also Reform".

Während andere in der Koalition sich in den vergangenen Monaten an der Mutter aller Reformen, Seehofers eigentlichem Spezialgebiet, die Zähne ausbissen, hat der Verbraucherminister sich der Gesundheit der Bevölkerung im Kleinen widmen können. Viele Stunden, erzählt Seehofer, habe er mit Wissenschaftlern und Kontrolleuren gesprochen und Erstaunliches erfahren. In den Fleischhallen etwa beginne die Arbeit oft um zwei Uhr nachts, um sieben Uhr sei alles ausgeliefert um 9.30 Uhr, viel zu spät, kämen die Kontrolleure. Oder sie kämen gar nicht, wenn ein Transport nachts nach Russland aufbreche weil die Dienstzeit am Nachmittag ende. Nun will Seehofer die Kontrolltätigkeit "der Wirklichkeit in der Wirtschaft anpassen".

Er will ein Frühwarnsystem in Form einer zentralen Datei einführen, vor allem aber die Kontrolle der Kontrolle verbessern. Denn die bisherige Aufsicht, daran lässt Horst Seehofer keinen Zweifel, ist schlecht und bedarf einer grundlegenden Verbesserung, "also Reform".