Bispingen

Am Rande der Lüneburger Heide, wo Wanderer gerade die letzten Pilze sammeln, schneit es seit Wochen. Der Skilehrer Ronald Waege zieht den Kragen seiner Fleecejacke hoch und zeigt hinüber zur Piste: Dort soll, wenn es nach seinen Wünschen geht, die Buckelpiste angelegt werden. Wo genau, ist wegen des Schneetreibens nicht zu erkennen.

Schneetreiben nördlich des Mains, zudem im frühen Herbst? Der moderne Event-Tourismus macht es möglich. Sechzig Kilometer südlich von Hamburg, wo Hermann Löns, der Heidedichter, vor fast hundert Jahren für den Naturpark Lüneburger Heide kämpfte, entsteht heute Europas jüngstes Skigebiet in einer Halle. 316Meter Abfahrt auf bis zu 100 Meter Breite bietet der SnowDome Sölden, dazu Lifte für stündlich 4600 Personen. Und das Ganze ist auch noch schneesicher, was weite Teile der Alpen von sich nicht mehr behaupten können. " Winter im Hochsommer" versprechen die österreichischen Betreiber. Seit Wochen lassen sie ihren SnowDome rund um die Uhr beschneien. An diesem Samstag wird die Piste freigegeben.

Wozu braucht der Skifahrer Berge? Viel wichtiger ist eine Autobahnausfahrt! Das Gelände am Rande der A7 sei der ideale Standort für Deutschlands vierte Skihalle, beteuert Skilehrer Waege. Die Freizeitalternativen in dieser Gegend reichen von der Kartbahn über ein Bowlingcenter bis zu McDrive in Wurfweite dafür aber gibt es eine Gemeinde mit Namen Bispingen, die alles tut, um "eine touristische Hochburg in Europa" zu werden, wie SnowDome-Chef Ralph Benecke es ausdrückt. Für das erste Jahr rechnet er im Schnitt mit 1000 Besuchern täglich.

Bispingens Bürgermeister Detlev Loos spricht gern vom "Erlebnisgebiet", wenn er jenes 40 Hektar große Areal beiderseits der A7 beschreibt, das die Gemeinde nach und nach erworben hat. Vor zwei Jahren hatte Loos eine Wintersporthalle in Neuss besucht und seither nicht lockergelassen. Fast im Alleingang luchste er der Stadt Wolfsburg eine sicher geglaubte Zusage der Söldener Bergbahnen für die 35 Millionen Euro teure Investition im norddeutschen Flachland ab. Und das ist erst der Anfang. Alpine Gastronomie, ein Einkaufszentrum, ein "Nordic Sportzentrum" samt Kinderparadies und natürlich 570 Parkplätze sollen sich zu einem künstlichen Winterwunderland vereinen. Dazu kommt im Frühjahr noch nicht allzu weit entfernt eine Wasserskianlage. Der Bau eines Vier-Sterne-Hotels nebst Heilbad gilt als sicher. Geplant sind zudem ein überdachter Schießstand und ein riesiges Outlet-Center.

Eigentlich ist Bispingen mit seinen 6300 Einwohnern für ein Einkaufszentrum dieser Größenordnung mehrere Nummern zu klein.

Bürgermeister Loos hofft auf eine Ausnahmegenehmigung. Warum auch nicht, schon beim SnowDome hatte er sich "gewundert, dass die Bauleitplanung ohne Einsprüche vonstatten ging". Kein Wunder also, dass die SPD den parteilosen Amtsleiter schon mal als "Sonnenkönig" bezeichnet, der noch einiges vorhabe mit der Lüneburger Heide.