Schach ein Denksport? Nicht nur. Natürlich wird am Brett heftig gedacht, gegrübelt, gerechnet. Hunderte von Zügen geistern durch die Gehirne der Spieler, bevor diese zehnmal pro Stunde eine Holzfigur verschieben. Doch mehr als bei anderen Sportarten kommt es beim Schach auf die psychologische Überlegenheit an. Der mental stärkere Spieler macht fast intuitiv die besseren Züge als ein eingeschüchtertes Sorgenkind.

Als Weltmeister Wladimir Kramnik jetzt in Elista in Kalmückien gegen den anderen, den Fide-Verbands-Weltmeister Weselin Topalov zum Kampf um den einzigen, endgültigen WM-Titel antrat, war der elegante, russische Bohemien, der in Paris und der ganzen Welt residierte, der Psychofavorit gegenüber dem etwas linkischen Emporkömmling aus Bulgarien. Dieser verlor sogar gleich zwei Partien, obwohl er zwischenzeitlich besser stand. Beim Stande von 1:3 sah sich die Topalov-Truppe gezwungen, den Gegner psychisch zu attackieren. Solche Psychokriege sind in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften reichlich bekannt. Bobby Fischer, Karpow, Kortschnoi, Kasparow haben mit erstaunlicher Fantasie, mit raffinierten Winkelzügen außerhalb und unterhalb (mit Fußtritten) des Brettes ihre Gegner malträtiert. Ein nützlicher Nebeneffekt solcher Schauplatzverschiebung ist das plötzliche Medieninteresse, das den schwer verständlichen Sitzsport vorübergehend aus der Versenkung holt.

Topalov zog die Klo-Show ab. Manager Danailov beklagte beim Schiedsgericht Kramniks angeblich häufige und deshalb verdächtige Gänge zu seiner Toilette, wo dieser sich womöglich Computerhilfe für seine gewonnenen Partien geholt habe. Das war schon deshalb absurd, weil Kramnik in den besagten Partien himmelschreiende Fehler gemacht hatte, die einem Computer nie unterlaufen wären. In Elista schloss das dreiköpfige Schiedsgericht, zu dem zwei Danailov-Freunde gehörten, die verdächtige Toilette ab und stellte Kramnik ersatzweise Topalovs Klo zur Verfügung.

Das lehnte der entgeisterte Kramnik ab. Er blieb vor dem Klo sitzen, während Topalov eine Stunde am Brett saß und sich die fünfte Partie ohne Zug gutschreiben ließ.

Der Psycho-Überfall hatte sich gelohnt. Eine unverdiente Gewinnpartie und ein verstörter Kramnik, der überraschenderweise nicht abreiste, sondern (unter Protest) weiterspielte, zwei Partien hintereinander verpatzte, bevor er in der zehnten Partie den 5:5-Gleichstand erreichte. Falls Kramnik weiter gewinnt, ist mit weiterem Psychoterror zu rechnen.