Für die vergangenen wie die zukünftigen Auseinandersetzungen der Großen Koalition gibt es eine Standarderklärung: In Berlin regieren politische Gegner miteinander. Das ist der Grundwiderspruch der Koalition. Und wer geglaubt hatte, Union und SPD würden im Laufe gemeinsamen Regierens von der Gegnerschaft zu einer wie immer gearteten Partnerschaft finden, sieht sich nach dem Gesundheitsstreit der letzten Monate ziemlich ernüchtert.

Man muss es sich noch einmal vor Augen führen: Da gelingt es Angela Merkels Regierung nach monatelangem Streit um das Paradeprojekt Gesundheitsreform am Ende doch noch, einen Kompromiss auszuhandeln, statt wie es zwischendurch schon aussah die Koalition platzen zu lassen. Zwar redet niemand mehr von "Durchbruch", dies war ein Notkompromiss, mehr nicht. Aber: Leise, resignativ, so hätte man die Sache über die Bühne bringen können.

Stattdessen folgte der mühsamen Einigung ein Feuerwerk wechselseitiger Attacken. Als stünden die Partner unter einem Zwang, auch noch den leisesten Anschein von Gemeinsamkeit sofort wieder zu zerstören. Mit Strategie hat das wenig zu tun. Niemand kalkuliert da mit dem vorzeitigen Koalitionsende. Es ist eher die psychologische Dynamik einer Zwangsehe, die im seltenen Moment der Einigung auch schon die Gegenreaktion produziert. Wer nach dem Gesundheitskompromiss erneut auf die Idee verfallen war, Union und SPD würden sich vielleicht doch noch ans gemeinsame Regieren gewöhnen, wurde durch den nachfolgenden Interviewkrieg gleich wieder eines Schlechteren belehrt.

Das Paradox einer feindseligen Partnerschaft lässt sich nicht auflösen. Die über Jahrzehnte hinweg gepflegte Perspektive auf die jeweils andere Volkspartei als politischen Gegner und Hort irriger, jedenfalls konträrer politischer Vorstellungen hat sich in beiden Parteien tief eingefressen. An der wechselseitigen Gegnerschaft hat sich nicht zuletzt das jeweils eigene Selbstverständnis gebildet. Noch immer wird der politische Schaden des anderen als eigener Erfolg wahrgenommen.

Dass nicht nur das Votum der Wähler, sondern auch die Probleme des Landes die gemeinsame Regierung erzwingen und dass der gemeinsame Erfolg am Ende auch beiden Parteien zugute kommen werde, ist seit Beginn der Koalition immer wieder beschworen worden. Doch in den Parteien selbst, bis hinauf in die Führungsetagen, dringen solche Sonntagsbekenntnisse nicht durch.

Deshalb ist die Große Koalition die problematischste aller Regierungskonstellationen. Sicher gelänge es, den eingefleischten Antagonismus der Volksparteien zu überwinden, entstünde eine machtvolle Regierung, die sich größere und schwierigere Projekte als jede kleine Koalition zutrauen dürfte. Doch das ist pure Theorie.

Faktisch halten die gleich großen Regierungspartner einander auch dann noch in Schach, wenn ihre inhaltlichen Differenzen geschwunden sind oder zumindest überbrückbar wären.