Damals, vor ein paar Jahren erst, in Jerusalem: Auf dem Tisch ein Korb mit pflaumenähnlichen Früchten, die auf Hebräisch shessek heißen und iskidinya auf Arabisch, das bedeutet, erklärten die Wissenschaftler, die hier zusammensaßen, "alte Welt". Sie waren das Übersetzen gewohnt, diese arabischen, jüdischen, deutschen Forscher, die gemeinsam zu einer einzigartigen Erkundung Europas aufgebrochen waren: indem sie die Bedeutungen des Alten Kontinents im Nahen Osten erforschten, die Tauglichkeit seiner Begriffe, von Aufklärung, Demokratie, ziviler Gesellschaft, Recht und Kritik.

Zu den Mentoren dieses Forschungsvorhabens gehörte Wolf Lepenies, der jetzt in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nicht zuletzt dafür erhielt, dass er im Nahen Osten und in Osteuropa, von St.Petersburg bis Bukarest, Forschungseinrichtungen mit auf den Weg brachte, die den gelehrten Perspektivenwechsel, das Verstehen von Kulturen einüben, die einander nicht einfach fremd, sondern ineinander verflochten sind. In Jerusalem hatte der arabische Philosoph Azmi Bishara davon gesprochen, wie in dieser verflochtenen Welt Europa alles infiziert habe. Nun sprach in Frankfurt Wolf Lepenies, als ginge das Jerusalemer Gespräch über Krieg und Terror hinweg einfach weiter, von der islamischen Miturheberschaft an der Renaissance und Aufklärung in Europa. Jenes Forschungsprojekt im Nahen Osten war mit der zweiten Intifada zu Ende. In der Beiruter Sommeruniversität und im Arbeitskreis zur jüdisch-islamischen Hermeneutik setzt es sich andernorts und in anderer Gestalt heute fort. Mit Gewalt ist die Wirksamkeit der wissenschaftspolitischen Anstöße von Wolf Lepenies nicht aus der Welt zu schaffen.

Nun, in der Frankfurter Paulskirche, wurden plötzlich auch in den Reihen, die nicht von Journalisten besetzt sind, Notizbücher gezückt, zum Mitschreiben von Sätzen, die man noch braucht, wieder braucht. Wie etwa der Philosoph Johann Georg Hamann vor über 200 Jahren seinen Kollegen Kant ermahnt habe: "Sie müssen mich fragen und nicht sich, wenn Sie mich verstehen wollen." Oder wie ein Jean-Jacques Rousseau an die Wiederbelebung der gesunden Vernunft in der Renaissance erinnerte: "Der dumme Muselmann, dieser geschworene Feind der Gelehrsamkeit, war es, der sie unter uns wieder aufweckte."

Es gibt eben ein altes, ein vernünftiges Europa, aus dem Lepenies kommt, das nicht überheblich ist, sondern leidenschaftlich, kritisch und klar am anderen wie an sich selbst interessiert. Es wird gebraucht. Einen Preis für dieses alte Europa, das erzählte Lepenies über seinen Laudator, den rumänischen Kunsthistoriker und früheren Außenminister Andrei Pleu, hätte jener lieber erhalten als den New Europe Prize, den er stattdessen bekam. Wer an diesem alten Europa hängt, braucht den Anstößen von Wolf Lepenies nur zu folgen, damit Europa im Spiegel wieder sein junges Gesicht sehen kann.