Welches Hochschulsystem bietet jungen Wissenschaftlern größere Chancen: das US-amerikanische oder das deutsche? Soll man als deutscher Nachwuchsforscher eher in der Heimat bleiben, weil sich hier besser arbeiten lässt? Diesen Eindruck musste gewinnen, wer das Interview mit Ulrich Teichler und den Kommentar von Manuel Hartung (ZEIT Nr. 37 und 40/06) las.

Der Hochschulforscher Teichler referiert die Ergebnisse einer von ihm erstellten Vergleichsstudie und spricht davon, dass deutsche Wissenschaftler, die in die USA wechselten, einem "Aberglauben" aufsäßen. Medien und Politik griffen diese Thesen bereitwillig auf.

Wir neun junge deutsche Nachwuchswissenschaftler diverser Disziplinen, die seit mehreren Jahren in den USA und Kanada forschen sind überzeugt: Wir sitzen keinem Aberglauben auf.

Die Teichler-Studie vergleicht die Karriereperspektiven im deutschen und amerikanischen Hochschulsystem anhand von Durchschnittsdaten. Eine solche Gegenüberstellung ist zwar interessant, beantwortet jedoch nicht die Frage, warum deutsche Nachwuchsforscher in die USA abwandern. Denn sie zieht es eben nicht an eine nordamerikanische "Durchschnittsuniversität", sondern an die besten Institutionen des Landes.

Gerade in dem tief geschichteten amerikanischen Wissenschaftssystem vernebeln Durchschnittswerte die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA, anstatt sie zu erhellen. Diese Unterschiede sind schon auf den ersten Blick markant: In Deutschland dominieren beinahe vollständig die öffentlichen Universitäten. Als unmittelbare Folge sind die Qualität der Lehre, der Studenten und der Professoren in weiten Teilen vergleichbar. Ganz anders die Lage in den USA, wo öffentliche, religiöse und private Universitäten in einer Vielzahl von Strukturen nebeneinander bestehen.

Noch bedeutender als diese institutionellen Merkmale sind die Unterschiede in Ausstattung und Zielgruppe der einzelnen amerikanischen Hochschulen. Neben einer großen Anzahl von Colleges, deren maßgebliches Ziel es ist, Studenten bis zum Bachelor auszubilden, gibt es eine kleinere Anzahl von Forschungsuniversitäten, zu denen Harvard, Stanford und Yale zählen. In Community Colleges, wo die jährlichen Studiengebühren unter 1000 US-Dollar liegen können, erhalten die Dozenten nur geringe Gehälter. In reichen privaten Universitäten dagegen, die ein eigenes Stiftungsvermögen von bis zu 30 Milliarden US-Dollar besitzen, liegen die Professorengehälter weit über dem amerikanischen Durchschnitt.

Die eigentliche Attraktivität der amerikanischen Universitäten liegt für uns allerdings in der größeren Unabhängigkeit für junge Forscher und den flachen Hierarchien. In Nordamerika fängt der Mensch (Forscher) nicht erst mit dem Professor an! Junge Professoren können ihre Karriere direkt nach der Promotion (Ph. D.) beginnen und bei entsprechender Leistung ohne starre Befristungen an der gleichen Institution fortsetzen. Finanzielle Unabhängigkeit wird durch eigens zugeteilte Start-up-Fonds garantiert. Auch die Lehr- und Forschungsverantwortung junger Wissenschaftler unterscheidet sich im Allgemeinen nicht von der ihrer senior colleagues.