Knapp 27 Monate sind es noch bis 2009. Im Herbst desselben Jahres werden die Deutschen ein neues Parlament wählen wenn die Koalition so lange hält. Die Regierung hat sich für ihr voraussichtlich letztes Jahr gerade einen politischen Kraftakt ins Programm geschrieben. Union und SPD wollen zum 1. Januar 2009 den neuen Gesundheitsfonds einführen, jenen umstrittenen Einheitstopf, in den die Versicherungsprämien aller Kassenpatienten fließen und aus dem sie verteilt werden sollen.

Der Zeitpunkt überrascht. Warum muten die Regierenden den Bürgern das umstrittene "Herzstück" ihrer Großreform ausgerechnet im Wahljahr zu?

Ordnet sich da eine weitere merkwürdige, ja unverständliche Idee in die lange Reihe der Gesundheitsreformbeschlüsse aus jüngster Vergangenheit ein? Die Wähler dürften registrieren, dass die Prämien für viele Versicherte deutlich steigen werden. Und wird es ihnen gefallen, dass die 140 Milliarden Euro nach neuen Regeln verteilt werden? Seit Jahren schwelt die umstrittene Idee, auch Versicherungsrisiken wie schwerwiegende, chronische und kostenintensive Krankheiten finanziell auszugleichen. Dabei wird es Gewinner geben, aber eben auch Verlierer. Und ausgerechnet im Wahljahr 2009 soll es so weit sein?

Schon deuten Gesundheitspolitiker das Verschieben des Fonds als dessen Tod. Andere halten die Maßnahme für taktisch klug. Sie verschafft den Regierenden in Bund und Ländern Luft. Kurzfristig kann sich die Regierung in Berlin wieder auf das Regieren konzentrieren, während sich einige Länderchefs ihren Wahlkämpfen zuwenden können. In Bayern, Hessen und Niedersachsen werden 2008 neue Parlamente gewählt. Die drei unionsgeführten Bundesländer zählen zu den einkommensstarken Regionen, die mehr Geld in den großen Topf pumpen werden, als an sie zurückfließt. Spüren die Bürger im Wahljahr noch größere Finanztransfers, könnte das deren Votum beeinflussen.

Langfristig bietet sich für Union und SPD die reizvolle Perspektive, die Grundlage für die Reform der Gesundheitsfinanzen noch gemeinsam zu legen, dann aber getrennt für die jeweils eigenen Vorstellungen von der Gestaltung der künftigen Gesundheitsversorgung werben zu können.

Die beiden Volksparteien lagen noch im Wahlkampf 2005 bei keinem anderen Thema ideologisch so weit auseinander wie in dieser Frage der Gesundheitspolitik. Die SPD wollte eine Bürgerversicherung für alle, die Union warb für die Kopfpauschale. Ministerin Ulla Schmidt kündigte an, die Arbeitsteilung zwischen gesetzlichen und privaten Kassen gründlich reformieren zu wollen. Die Union warf sich beinahe reflexartig vor die privaten Versicherungen.

In der Großen Koalition haben sich diese Ideen praktisch neutralisiert. Gesetzliche und private Kassen werden weiterhin separat existieren. Versicherer werden weiterhin um Gesunde und Gutverdienende werben, Anreize zum Kassenwechsel fehlen weitgehend. Ihrem Versprechen einer "Gesundheitsreform" fühlen sich die Regierenden dennoch verpflichtet. Führen sie den inzwischen ebenfalls weitgehend neutralisierten Gesundheitsfonds vor der nächsten Wahl ein, könnten sie die in der Folge steigenden Prämien im Wahlkampf noch der "alten" Regierung zuschreiben ehe sie sich daranmachen und den Geldtopf selbst entweder als Bürgerversicherung oder als Kopfpauschale zu modellieren immer in der Hoffnung, dass aus der Wahl nicht wieder eine Große Koalition hervorgehen wird.