Am 9. September 2005 spielte die Klaus-Renft-Combo im Ostberliner Kino Babylon. Ein Abschied, das spürten wir alle. Es fehlten Kuno Kunert und Pjotr Kschentz. Der eine laborierte am Hörsturz, der andere hatte Krebs. Aber Renft stand auf der Bühne, mit Sonderurlaub aus dem Krankenhaus. Eben hatte die Super Illu ein Interview gebracht, in dem Klaus über den Krebs sprach: "Ich gehe nicht davon aus, dass ich sterben werde, aber wenn es sein muss, ist das auch okay."

250 Leute kamen, nicht mehr. Wenn die Puhdys ihren Buletten-Rock spielen, strömt das ostalgische Volk. Renft waren und blieben Dissidenten. Die Leipziger Band, ein Kind der frühen Siebziger, testete mit unverblümten Texten Honeckers Halbliberalismus bis an die Grenze: "Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufriedner Leute" Die Grenze war am 22.

September 1975 erreicht. Staatlicherseits wurde verkündet, dass "die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist", wegen Beleidigung der Arbeiterklasse und Diffamierung der Staats- und Schutzorgane. Die meisten Musiker gingen nach Westen, 1976 auch Klaus Renft. Was in der DDR blieb, war der Mythos Renft, der für das Scheitern unserer Hoffnungen auf eine Art von Woodstock-Sozialismus stand. Der Bandchef pflegte freilich zu sagen, ohne Auftrittsverbot hätten die Renft-Streithammel die Combo zwei Wochen später selbst zerlegt.

Klaus Renft (eigentlich Jentzsch), 1942 in Jena geboren, war ein mäßiger Bassist, ein umtriebiger Organisator, ein Schlaufuchs und Lebensphilosoph von Graden. Seine Autobiografie Zwischen Liebe und Zorn versammelt viele Köstlichkeiten der anarchischen Ostrock-Gründerjahre. Als Erzähler entzückte er mit sächsischem Proleten-Schnodder. Unvergänglich sind die ersten beiden Renft-LPs.

Als ich wie ein Vogel war, Flüsse und Tränen, Wandersmann der Wildermut, die Liebeskunst dieser vulkanischen Songs wird Renft-Gefährten erschüttern, solange wir leben.

Nach dem Konzert vor einem Jahr redeten wir noch hinten im dämmrigen Kino. Klaus schob am Hals das Hemd beiseite, zeigte seine Geschwulst und forderte: Fass an. Demnächst habe er wieder Bestrahlung. Da kann dir keiner helfen, sagte er, da biste allein. Wie unbehütet er schien.

Bei uns saß eine junge Frau, die behauptete: Sterben müssen wir alle.