Deutschland gilt als wenig zukunftsfähig. Es gibt allerdings einen Bereich, in dem Deutschland auf den ersten Blick beste Voraussetzungen für die Zukunft zu haben scheint – das ist die Außenpolitik. Für die Innenpolitik besteht das Kernproblem der Globalisierung darin, dass sich die gesellschaftlichen Handlungszusammenhänge schnell über nationale Grenzen hinweg ausweiten und die traditionelle nationalstaatliche Politik damit vor neue Herausforderungen gestellt wird. Die externen Anforderungen durch den verschärften Standortwettbewerb müssen verarbeitet, und die Innenpolitik muss entsprechend angepasst werden. Darin ist Deutschland schlecht. Im Falle der Außenpolitik wirkt sich die Globalisierung anders aus. Deutsche Interessen und Überzeugungen müssen in die bedeutungsvoller gewordenen internationalen Institutionen eingebracht werden und damit zu einer internationalen Politik beitragen, die das friedliche Zusammenleben ermöglicht. Deutschland als einer der Hauptträger der EU und als Edel-Multilateralist gilt hier als gut.

Während die Globalisierung das rheinische Modell des Kapitalismus besonders heftig angegriffen hat, erscheinen die Grunddeterminanten der deutschen Außenpolitik zeitgemäßer denn je. Die Adenauersche Außenpolitik zielte im Kern darauf, einseitige Kontrollen in multilaterale Regime zu überführen. Dies prägte sich tief in das außenpolitische Entscheidungssystem ein. Legendär ist Hans-Dietrich Genschers Credo, wonach Deutschland keine nationalen Interessen hat – das europäische Interesse sei das deutsche Interesse. Diese Formel verweist auf eine Tradition bundesrepublikanischer Außenpolitik, die den Sachverhalt internationaler Interdependenz (gegenseitiger Abhängigkeit) anerkennt und daher eine ausgeprägte Bereitschaft zum Autonomieverzicht und zum internationalen Kompromiss mit sich bringt.

Deutsche Außenpolitik kann sich zudem rühmen, ein hohes Maß an Unterstützung bei der Bevölkerung zu haben. Es ist kein Zufall, dass deutsche Außenminister wie Hans-Dietrich Genscher, Joschka Fischer oder Frank-Walter Steinmeier recht bald nach Amtsantritt die Beliebtheitsliste deutscher Politiker anführen konnten, ganz gleich, wie kontrovers oder unbekannt sie vorher waren. Deutsche Außenpolitik beruht auf einem breiten Konsens der Selbstzufriedenheit.

Ist diese Selbstzufriedenheit aber berechtigt? Wenn Multilateralismus für mehr stehen soll als die bloße Abwehr von unilateralen Akten und Rechtsbrüchen, dann ist es notwendig, die neuen und zusätzlichen Herausforderungen einer multilateralen Außenpolitik im Zeitalter der Globalisierung zu benennen. Zwei Entwicklungen in den internationalen Beziehungen seit 1989 haben besonders weitreichende Implikationen für die Außenpolitik.

Da ist zum einen der Wandel von der materiellen zur moralischen Interdependenz. Als in den 1970er Jahren Interdependenz als Konzept die internationalen Beziehungen zu erobern begann, bezog sich der Begriff ausschließlich auf Situationen, in denen reale grenzüberschreitende Effekte zu beobachten waren – wie etwa bei der Zinspolitik oder der Flussverschmutzung. Nur im Ost-West-Verhältnis fehlten damals solche materiellen Abhängigkeiten. Stattdessen führten die beiden Blöcke eine ideologische Auseinandersetzung um zwei universalistische Konzeptionen einer guten politischen Ordnung. Der Westen setzte dabei vor allem auf die Menschenrechte.