Kehrt das Grandhotel zurück? Die Frage bewegt vielleicht nicht die Menschheit, wohl aber die Träume des Großstädters nach glamouröser Begegnung und feudal veredelter Bürgerlichkeit. Und in der Tat: Was ist eine Metropole ohne Grandhotel? Wenig mehr als ein an der freien Luft begehbares Shopping-Center. Was ist ein Badeort ohne Grand Bretagne, Grand Excelsior oder Erzherzog Johann? Wenig mehr als eine Badeanstalt. Wo selbst ein Gott zur Gabel greift: Das Restaurant im Ritz Hotel London BILD

Es gibt keine Gesellschaft ohne Geselligkeit. Aber kann sie ihre Traditionsorte wieder erfinden? Kann es noch einmal die verschwenderischen Hallen, die vergoldeten Säle, Bälle und Redouten und nächtlichen Soupers, die schläfrig verbummelten Teenachmittage am verstimmten Piano geben? Die Frage lässt sich nicht allein über den Preis beantworten, den die Gäste zu akzeptieren bereit sind.

Gewiss ist der Betrieb eines solchen Hauses, mit seiner kalkulierten Platzverschwendung und dem Heer dienstbarer Geister, die auch der bezahlen muss, der sie gar nicht nutzt, unermesslich teuer. Andererseits nehmen Armut und Bedrückung in der Gesellschaft zu und also auch das Verlangen nach Luxus und Fluchtorten, in denen die Glücklichen ihr kurzes Glück demonstrativ ausstellen können. Der Hochstapler kommt zurück und mit ihm der Wunsch nach einer geeigneten Wirkungsstätte. Der Kreditkartenfälscher will sein Geld verjubeln, ehe das Konto gesperrt wird, der Neureiche seine Tochter glanzvoll verheiraten, ehe die Börse seine Aufstiegspläne zunichte macht, der Medienmogul seine Popstars tanzen lassen, ehe der Massengeschmack sich dreht und das gerade noch verführerisch Junge plötzlich alt und faltig aussehen lässt.

Für den kurzen Zauber kann man keine Villa bauen oder eigene Dienstboten mühsam erziehen. Der kurze Zauber verlangt das Grandhotel, und bei dieser Gelegenheit muss an etwas erinnert werden, was inzwischen offenbar vergessen wurde. Das Grandhotel war nicht der Ort der guten Gesellschaft, sondern der halbguten, nicht der Hautemonde, sondern der Demimonde. Die gute Gesellschaft hat sich immer privat, vorzugsweise in eigenen Schlössern getroffen. Die Architektur der Grandhotels hat Schlösser nur imitiert – für jene, die keine haben.

Die Ausnahme, die schon die Zeitgenossen faszinierte, waren die Badehotels. In den Badehotels trafen sich alle, einschließlich der besseren Kreise. Proust hat in seiner Schilderung Balbecs das unvergessliche Porträt einer solchen durch alle Schichten gemischten Hotelgesellschaft gegeben, einschließlich des tragisch ambitionierten Hoteldirektors, der die neuen und neuesten Fremdwörter in aberwitziger Verballhornung herausquasselt.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstanden die so genannten Kaiserbäder, Bad Gastein, Bad Ems, Wiesbaden oder was sich sonst der übrigens schon damals recht launischen und kurzlebigen Mode empfahl. Dort trafen sich der Zar, der deutsche und der österreichische Kaiser, dazu die aristokratische cousinage, die Politiker und Minister, dann die Bankiers und Großindustriellen, schließlich die Zaungäste, die Schnorrer und nicht zuletzt die großen europäischen Kokotten.

Der glanzvolle Aufmarsch der Edelprostituierten, deren Toiletten und Equipagen an Pracht oft bei weitem übertrafen, was die ehrbaren Gäste zeigten, trug nicht wenig zum Ruhm dieser Bäder bei. Deren gemischte Hotelgesellschaft lebte von ihrer Gemischtheit, fand aber ihre Grenze dort, wo heute oft die Welt des Edelklatsches und der Prominenten erst beginnt: nämlich bei den Schneidern, den Köchen und Gastwirten, die in München zur Grundausstattung einer Party der High Society gehören. Es wäre der Hautemonde, so fließend ihre Übergänge zur Demimonde waren, niemals eingefallen, Lieferanten an den Tisch zu bitten, also etwa einen Herrn Käfer, der das Catering besorgt, zugleich unter den Ehrengästen einzureihen.

Hier ist für die Wiederbelebung des Grandhotels ein Problem entstanden, das sich freilich in Umrissen schon damals abzeichnete. Es gibt die Anekdote Kaiser Wilhelms I., dem sich bei einem Empfang für verdiente Bürger ein Schneider mit der Klage nähert: »Majestät, die Gesellschaft wird immer gemischter!« Darauf Majestät: »Verstehe Euer Liebden nur allzu gut. Aber wir können nicht nur Schneider einladen.« Mit anderen Worten: In der Massengesellschaft lässt sich der Zutritt niemandem verweigern, aber mit dem Ergebnis, dass sich auch für niemanden mehr die Hoffnung erfüllt, als Ausnahme zu gelten.

Auch die Grandhotels von heute müssten mit einem Exklusivitätsversprechen werben, das sie sogleich wieder zerstören, indem sie es jedem machen. Es bliebe am Ende nur der Distinktionsgewinn über das Geld, was aber insofern ernüchtert, als es die Vorstellung der zugrunde liegenden Arbeit aufruft, und sei es nicht der eigenen, sondern der anderer, listig ausgebeuteter armer Teufel. Das Berechnende der modernen Arbeitswelt schiebt sich überall erkältend in die Kulissen des Luxus (die dadurch als Kulissen erst so recht erkennbar werden).

Darum ist der Popstar, der zu den Lieblings- und Vorzeigegästen aller renommierten Hotels gehört, nicht geeignet, einen Ersatz für den verlorenen Glamour der Belle Époque zu liefern. Der Popstar, auch wenn er lustige Sonnenbrillen trägt oder im Überschwange Hotelzimmer zerstört, leistet die Arbeit, für die er bezahlt wird, und gehorcht einem unerbittlich durchrationalisierten Marketing. Seine öffentlichkeitswirksamen Exzesse sollen auch keineswegs vor der Hotelöffentlichkeit spielen, sondern in den Medien vorgeführt werden; der Popstar als Hotelgast und meistens tödlich erschöpfte Privatperson sucht Anonymität und Ruhe und keinen Auftritt.

Das hat er mit den Geschäftsreisenden gemein; und damit sind wir auch schon bei dem Untergang des alteuropäischen Grandhotels. Für unser Empfinden scheint sich dieser Untergang im Dämmer der Geschichte zu verlieren, wie der Untergang alles dessen, was einstmals groß, prächtig und überflüssig war. Aber bei genauerer Erinnerung lässt sich das Ende doch überraschend präzise datieren. Es fällt zusammen mit dem Ruf nach besseren Zimmern.

Dieser Ruf war einerseits verständlich, andererseits ein tragischer Irrtum über die Natur des Grandhotels. Wer jemals über die Flure eines solchen, vielleicht nur als heruntergekommene Hülle erhaltenen Gebäudes gewandert, um Ecken und Eckchen gebogen, über schwindlige Stiegen geklettert und schließlich in das oft winzige und dunkle, auf schmutzige Lichtschächte oder brüllend laute Hauptstraßen hinaus gelegene Zimmer gelangt ist, wird verstehen, warum der erschöpfte Geschäftsmann oder verliebte Pärchen dort keine Ruhe finden konnten.

In den Zimmern der alten Grandhotels konnte man schlafen, aber für alle anderen Aktivitäten waren die Hallen und Säle, die zu Recht so genannten Gesellschaftsräume gedacht. Das Hotel sollte Öffentlichkeit herstellen, nicht Privatheit schützen. Mit dem Verlangen des Geschäftsmannes, des Prominenten oder Flitterwöchners nach Ruhe und Abgeschiedenheit musste die Institution zugrunde gehen.

Nicht immer verschwanden die Gebäude. Schlimmeres geschah: Sie wurden umgebaut. Die Zimmer wucherten auf Kosten der Gesellschaftsräume; wenn dies nicht möglich war, entstand ein Kongresshotel. Das heißt, wo einst die bürgerliche Gesellschaft mit ihren bunten Rändern kokettierte, zogen die grauen Handelsvertreter ein, die in erbarmungslosen Seminaren der Gehirnwäsche des freien Marktes unterzogen wurden. Das Hotelpersonal wurde entlassen, in Sonderheit die Zeremonienmeister des geselligen Lebens, die würdevollen Portiers und Empfangschefs, die Liftboys und Etagendiener, deren Hauptaufgabe darin bestand, die richtige Augenbraue im richtigen Moment hochzuziehen oder die Stimme zu senken; vor allem aber: sich Namen zu merken. Das neue Hotel aber kannte keine Gäste mehr, sondern nur noch Kunden; und investiert wurde nicht mehr in Menschen, sondern in Tageslichtprojektoren, Konferenzschaltungen und was sonst noch unter dem Stichwort Konferenztechnik firmiert. Aus dem Zoo der bürgerlichen Spezies war ein Maschinenpark geworden.

Merkwürdigerweise erlosch damit nicht der Mythos des Grandhotels. Er blieb als Sehnsucht, realisiert aber wurde die Karikatur. Denn neue teure Hotels wurden gebaut, sie taten wie die alten, sie hatten Säle und Salons, aber jetzt mit der niedrigen Geschosshöhe, die von der Kapitalrendite verlangt wurde. Die Säle hatten keine Fenster mehr, weil sie im Innern der Gebäudemasse gestapelt wurden, und ihre Decken waren flach, weil über ihnen keine Putten schweben sollten, sondern die Klima- und Konferenztechnik. In diesen Hotels konnte man, wie in ihren durch Umbauten geschändeten Vorgängern, nur zwei Dinge: arbeiten oder von der Arbeit ausruhen – aber einen Raum, der dem Verwertungszusammenhang des Kapitals entzogen wäre, gab es nicht mehr.

Wenn irgendwo, dann lässt sich am Untergang der alten Grandhotels die tragische Selbstabschaffung des Bürgertums beobachten. Mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, der es seinen Aufstieg verdankt, hat es auch seine Abdankung ins Werk gesetzt. Es ist bemerkenswert, dass der berühmte Soziologe Werner Sombart, der 1913 zum ersten Mal diesen Selbstruin des Bourgeois prophezeite, sich mit besonderer Leidenschaft für die Geschichte und Theorie des Luxus interessiert hat. Und in der Tat: Am Luxus wird sich alles entscheiden.

An der Frage, welche Überflüssigkeit wir uns leisten und was wir als Luxus ansehen wollen, wird auch die Frage nach einer Wiederkehr des Grandhotels hängen. Es wird nicht wiederkommen, wenn wir an einen Gegenwert für unser Geld denken. Luxus wird überhaupt nicht sein, wenn wir ihn als etwas denken, was man einkaufen kann. Luxus ist kein Shopping-Phänomen. Luxus entsteht, wenn man das Kostbarste verschwendet, was wir heute kennen: nämlich Zeit, Begabung, Aufmerksamkeit. Wenn wir all dies nicht mehr für Arbeit und Gewinn einsetzen, sondern für Repräsentation und Protz buchstäblich auf den Kopf hauen, für Plauderei und Hochstapelei, für Charme und Koketterie zum Fenster hinauswerfen, wenn wir unser Leben nicht verzinsen, sondern verjubeln wollen – dann wäre ein Grandhotel der richtige Ort. Er wird sich herstellen lassen, wenn wir ihn haben wollen.

Nach Maßgabe unserer Konkurrenzgesellschaft, die neuerdings zum Fleiß noch die Enthaltsamkeit predigt, stehen die Aussichten nicht gut dafür – es sei denn, es nähme die Enttäuschung zu. Es sei denn, die Einsicht breitete sich aus, dass Leistung am Ende sich nicht lohnt oder, präziser gesagt: nicht belohnt wird, oder noch präziser: dass der Lohn in Wahrheit unabhängig von der Leistung gezahlt wird, also auch verschwendet werden kann. Die Entkoppelung von Arbeit und Geld, die faktisch schon gegeben ist, muss auch moralisch gedacht werden, das heißt, die Ungerechtigkeit muss eingesehen und, sei es aus Resignation oder Leichtfertigkeit, auch akzeptiert werden. Dann könnten sich die Großbürger und die Schlawiner, die Aristokraten und die Kriminellen wieder versammeln, die schon immer das eine gemeinsam hatten: dass ihre Einkünfte nicht auf Erwerbsarbeit beruhen. Das wäre die Stunde des Grandhotels.

Noch mehr Trends, die man nicht verschlafen darf, finden Sie diese Woche in der Reisen-Beilage der ZEIT

Zum Thema
Hoteldesigner verabschieden sich vom Minimalismusund machen es dem Gast wieder ein bisschen gemütlich »

Wildnis mit Stil - The Outpost im Krüger-Nationalpark bietet seinen Gästen und den Einheimischen eine Zukunft »

Foie gras im Ghetto - Das Kube-Hotel lockt die Schönen und Reichen in den armen Nordosten von Paris »

Billig hat seinen Preis - Budgethotels sind im Kommen. Im Hamburger Motel One logiert man für 45 Euro beinahe stilvoll »

Reisen - Für Leute mit Fernweh »