Das ist kein Handeln mehr«, sagt Ray Carbone und schüttelt den Kopf. »Das ist Zockerei.« Dabei hat der Ölhändler, der in New York eine kleine unabhängige Brokerfirma namens Paramount Options betreibt, im Laufe der Jahre schon einiges erlebt. Seit mehr als 20 Jahren steht er praktisch jeden Handelstag im pit, wie das Parkett der Rohstoffbörse New York Mercantile Exchange (Nymex) genannt wird. Sogar an den Ölschock der siebziger Jahre erinnert er sich noch gut, an die Autoschlangen vor den Zapfsäulen, die ihm als Teenager eine bleibende Erinnerung verpassten. Er hat sich seither fürs Öl interessiert, schon »weil es der wichtigste Markt der Welt ist«. Teures Benzin - nicht nur durch die Ökosteuer, Krisen im Nahen Osten und Naturkatastrophen BILD

Doch dass seine Kollegen beim Hedge-Fonds Amaranth aus Connecticut es vor ein paar Wochen schafften, binnen weniger Tage rund sechs Milliarden Dollar mit fehlgeschlagenen Spekulationen auf Energieterminkontrakte zu verlieren, das hat ihn erschreckt. So große Summen hatte noch keiner in den Sand gesetzt. Doch Ray Carbone sagt auch, dass er es immer häufiger mit Spekulanten vom Schlage Amaranths zu tun hat. Und er sagt, was mancher Autofahrer und Heizölkäufer sich auch schon mal gedacht hat: Der Ölmarkt ist nicht mehr so wie früher.

Noch Mitte Juli erreichte der Ölpreis sein jüngstes Allzeithoch: 78,40 Dollar pro Barrel. Inzwischen ist der Preis unter 60 Dollar gerutscht, ein Minus von 25 Prozent. Gerüchte, warum dies so sei, gab es in Mengen. Hat George W. Bushs Regierung den Markt manipuliert, um bei den bevorstehenden Kongresswahlen besser da zu stehen? Waren die vollen Reservetanks in Amerika die Ursache, die Fortschritte im nuklearen Armdrücken mit Iran, das Ausbleiben der gefürchteten Hurrikane im Golf von Mexiko? Sank der Ölpreis einfach deswegen, weil im Autoreiseland USA die Sommerferien zu Ende gingen?

Eine Untersuchungskommission des US- Senats kam im Sommer, auf dem Höhepunkt der Ölpreisrallye, zu einer ganz anderen Erklärung: Die Milliardenjongleure an den Rohstoffbörsen seien schuld. »Die traditionellen Kräfte von Angebot und Nachfrage können die Steigerungen nicht vollständig erklären«, schrieben die Autoren des Reports. »Es gibt überzeugende Belege dafür, dass die große Rolle der Spekulation am derzeitigen Energiemarkt die Preise deutlich erhöht hat.« Unter Berufung auf »zahlreiche Analysten« nannten sie gar konkrete Zahlen: 20 bis 25 Dollar pro Barrel habe im Sommer jener Spekulationsaufschlag betragen – darum kostete ein Barrel Öl 75 Dollar statt 50 oder 55. Und die, die den Ölpreis nach oben getrieben haben, können aber auch viel Geld damit verdienen, wenn er mit ihrer Hilfe wieder sinkt. BILD Teures Öl: Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik in voller Größe zu sehen

»Fast money« – die Jagd nach dem schnellen Dollar

Für Markt-Insider wie Ray Carbone und seine Kollegen ist der wachsende Einfluss von Ölzockern auf den Preis freilich keine Überraschung. Sie bemerken ihn zum Beispiel am Auf und Ab des Ölpreises während eines Handelstages. »Solche heftigen Preisausschläge habe ich früher nicht erlebt – wir sehen ständig neue Tagesrekorde«, sagt John Kilduff, Vizepräsident beim Terminmarktbroker Fimat Futures USA. Seine Erklärung? »Fast money« – neue Marktteilnehmer auf der Suche nach dem schnellen Dollar.

Solche Spekulanten kaufen Terminkontrakte auf Öl oder Erdgas, obwohl sie keine Lieferung wollen. Für diese Händler, die mal bei Banken angestellt sind, mal bei Hedge-Fonds und mal auf eigene Rechnung ihr Glück versuchen, sind die Käufe quasi Wetten. Sie glauben, dass sich der Rohstoffpreis anders entwickelt, als das Gros der Marktteilnehmer es sieht – und dabei winken saftige Gewinne oder eben Verluste wie bei Amaranth. Solange das Spekulieren nicht überhand nimmt, haben alle Marktteilnehmer etwas davon: Die Zocker schaffen Liquidität, sorgen also dafür, dass ein Käufer stets einen Verkäufer findet und umgekehrt.