Dietrich Ohse kann sich an übersichtliche Zeiten erinnern: Damals gab es BWL und VWL. Heute müssen sich Studienanfänger fragen, ob sie lieber »International Business Management East Asia« an der FH Ludwigshafen studieren, »Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik« an der Hochschule Heilbronn – oder »Event-Management von Musikveranstaltungen in Baden-Württemberg um den Großraum Mannheim«, spottet der emeritierte Wirtschaftsprofessor aus Frankfurt.

Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge, der Bologna-Prozess, hat die Hochschulen von den strikten Vorgaben der Kultusministerien befreit und ihre Fantasie beflügelt. Im Eifer der Reformen denken sie sich neue Studiengänge aus – von Intercultural Management bis Weinbetriebswirtschaft. Selbst Kenner verlieren da den Überblick: Über 350 Wirtschaftsstudiengänge gibt es in Deutschland. Die Studenten stehen verwirrt vor dieser Fächerinflation. Was lohnt sich? Wer ist in der Wirtschaft gefragter, Spezialisten oder Generalisten?

Wer studieren will, muss sich entscheiden. Ein Studiengang, der für einen bestimmten Beruf qualifiziert, macht durchaus Sinn. Nicht jeder kann ein Adam Smith sein, und viele Unternehmen sind es leid, Hochschulabsolventen mit langwierigen Trainee-Programmen praxisfit machen zu müssen. »In der Wirtschaft erleben wir heute eine Ausdifferenzierung der Berufsfelder. Ähnlich wie bei den Ingenieuren die Spezialisierung in Elektro- und Maschinenbauingenieure. Deshalb ist die Entwicklung bei den Studiengängen richtig«, sagt Klaus Semlinger, Vizepräsident der FHTW Berlin.

Einerseits. Andererseits birgt eine frühe Spezialisierung auch Risiken. »Zu eng konzipierte Studiengänge sind ein unmoralisches Angebot«, glaubt Ohse, die Absolventen seien für den Arbeitsmarkt zu unflexibel. Und tatsächlich: Wer weiß schon vor dem Studium, ob er später als Betriebswirt Bilanzen prüfen oder lieber Steuermodelle optimieren möchte? Selbst wer seine Interessen kennt, muss wissen, ob seine Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Wer sich beispielsweise für Verkehrsbetriebswirtschaft und Speditionswesen mit Ostasien-Schwerpunkt entscheidet, hat später möglicherweise nur eine Hand voll Arbeitgeber zur Auswahl. Und ohne die Möglichkeit eines Branchenwechsels führt das eigene Spezialistentum schnell aufs Abstellgleis. In Pforzheim haben Bewerber beispielsweise 17 verschiedene Wirtschaftsstudiengänge zur Auswahl. Controlling, Finanz- und Rechnungswesen ist ein eigener Studiengang, Steuer- und Revisionswesen wieder ein anderer. Der Pforzheimer Professor Joachim Paul gibt seinen Erstsemestern deshalb eine Warnung mit auf den Weg: »Sie müssen wissen, dass auf ihrem Zeugnis eine ganz bestimmte Fachrichtung steht. Wer im Schwerpunkt Marketing studiert hat, tut sich mit einer Bewerbung im Rechnungswesen schwer.«

Gute Hochschulen achten darauf, trotz der Spezialisierung keine Fachidioten mit Tunnelblick, sondern vollwertige Betriebswirte auszubilden. In Pforzheim etwa macht die allgemeine BWL immer noch über 50 Prozent des Studiums aus. Den großen Universitäten ist das nicht genug: In Mannheim, Frankfurt, München, Hamburg und Berlin gibt es nur einen einzigen Bachelorstudiengang »Betriebswirtschaftslehre«, ähnlich dem früheren Diplomstudiengang, nur um zwei Semester verkürzt.

Insgesamt ist die Zahl der arbeitslosen Betriebswirte im vergangenen Jahr stark zurückgegangen. Und von den derzeit arbeitslosen Betriebswirten haben in etwa gleich viele an Universitäten und Fachhochschulen studiert. Auch in den Personalabteilungen prominenter Unternehmen mag niemand die Bewerber der neuen Spezialistenstudiengänge abschrecken. Etwa bei McKinsey. Die Fachrichtung sei unwichtig, heißt es dort. Für eine Einstellung müsse man mehr vorweisen können: Praktika, Auslandserfahrung und eine »spannende Persönlichkeit« (Pressesprecherin Kirsten Best-Werbunat).

Dasselbe bei Procter & Gamble: Gesucht würden »alle Fachrichtungen« – und was die Studenten neben dem Studium vorweisen könnten, sei mindestens genauso wichtig. Nur bei Bernhard Riester, Personalchef von PricewaterhouseCoopers, bekommen Kandidaten »Extrapunkte«, wenn sie sich auf Rechnungslegung oder Steuerlehre spezialisiert haben. »Wir haben uns mit dem Pforzheimer Modell beschäftigt, stehen dem positiv gegenüber und sind gespannt auf die ersten Absolventen.«

Seit Bologna steigen bei vielen, die vor der Studienwahl stehen, vor allem Fragezeichen auf. Dabei sollte alles ganz einfach werden. Die europäischen Bildungsminister trafen sich 1999 in der Stadt in Norditalien, die berühmt ist für ihre Tortellini und die sanften Hügel der Po-Ebene. Sie beschlossen, dass Europas Hochschulen zusammenwachsen sollten – mit einheitlichen Abschlüssen. So weit der Traum. In der Realität gibt es heute größere Unterschiede zwischen Abschlüssen aus Pforzheim und Ludwigshafen als vor Bologna. Auf dem Papier heißen beide zwar Bachelor. Aber dem Diplomstudium lagen einheitliche Rahmenprüfungsordnungen zugrunde, die heute nicht mehr verbindlich sind. Nur das Siegel der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland bietet heute noch Aufschluss über die Seriosität des Angebots. »In Zukunft«, glaubt Ohse, »wird deshalb nicht mehr gefragt: Was haben Sie studiert? Sondern: Wo haben Sie studiert?«

Auch an den Unterschieden zwischen Universitäten und Fachhochschulen hat sich durch Bologna nichts geändert: Die meisten haben ihre alten Studienfächer einfach ins neue System übertragen. Bachelor und Master sind Etiketten, unter denen sich höchst unterschiedliche Produkte verbergen können. Ein Bachelor im Fach Marketing der FH Pforzheim ist einem BWL-Abschluss der Universität Mannheim zwar gleichgestellt. Und viele Fachhochschulen nennen sich Hochschulen oder University of Applied Science. Die unterschiedliche Ausrichtung bleibt aber erhalten: praxisorientiert die einen, forschungsorientiert die anderen.

Besonders die Universitäten sind mit der neuen Gleichbehandlung kaum einverstanden. In einer Umfrage der Fachhochschule Gießen/Friedberg unter 83 Fachhochschul- und 45 Universitätsdekanen bewerteten die Fachhochschuldekane den Bologna-Prozess auf einer Skala zwischen 0 (Ablehnung) und 3 (Zustimmung) mit 2,3. Die Universitätsdekane stimmten mit 0,6. Bei vielen muss man eine narzisstische Kränkung vermuten, mit den einst belächelten Fachhochschulen auf einer Stufe stehen zu müssen.

»Eine staatliche Inkonsistenz« nennt der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Hans Bauer die Gleichstellung der Abschlüsse. »Die Hochschulen sind wesentlich verschieden. An Fachhochschulen lernt man, bildlich gesprochen, ein Gericht nach einem Rezept zuzubereiten. Für Sachbearbeiter-Positionen und das mittlere Management ist das auch völlig ausreichend. Die Universitäten lehren aber, wie man ein Rezept entwickelt, also analytisches Wissen. Deshalb wird es bei uns nie einen Diplomkaufmann für Wirtschaftsprüfung geben.« Sondern, statt wie früher BWL und VWL, einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre.

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