Es ist Wahlkampf in den Vereinigten Staaten, die Zeit der Zuspitzung und der parteipolitischen Abrechnung. Dass sich auch ehemalige Präsidenten zu Wort melden und ihrer jeweiligen Partei unter die Arme greifen, gehört zum Geschäft und ist in der Regel nicht weiter der Rede wert. Was indes Jimmy Carter zu sagen hat, weist über den Tag hinaus. Er fragt nämlich nach dem Zustand der amerikanischen Demokratie, mithin auch danach, wie es um die Fähigkeit der USA bestellt ist, ihrer Rolle als weltpolitische Führungsmacht gerecht zu werden.

Wie von einem bekennenden Baptisten nicht anders zu erwarten, widmet Carter dem seit geraumer Zeit geführten Kulturkampf der christlichen Evangelikalen großen Raum. Seine Entscheidung, nach jahrzehntelanger Mitgliedschaft der Southern Baptist Convention den Rücken zu kehren, hat freilich nur am Rande mit Glaubensstreitigkeiten zu tun. Entschiedener als viele andere Beobachter legt Carter den Kern des Konflikts bloß. Es geht nicht darum, dass Religiöses mit Politischem vermengt wird. Vielmehr stellen Evangelikale um ihrer Deutungsmacht willen die Substanz der republikanischen Verfassung zur Disposition – Gewaltenteilung im Allgemeinen und Unabhängigkeit der Justiz im Besonderen. Allein wegen der überzeugenden Begründung dieses Zusammenhangs lohnt die Lektüre des Buches.

Zu Carters Amtszeit Mitte der 1970er Jahre hätte die Infragestellung der checks and balances zu einer heftigen Kontroverse Anlass gegeben. Erst Recht, wenn den ideologischen Wortführern – wie jüngst mehrfach zu beobachten – einflussreiche Mitglieder des Kongresses zur Seite gesprungen wären. Im heutigen Amerika hingegen hat die politische Öffentlichkeit abgedankt. Jedenfalls eine Öffentlichkeit, die sich der Kraft des Arguments statt der Suggestion von Emotionen bedient.

Davon handelt Carters Rede über die »moralische Krise« – vom Zustand einer Republik, in der Partizipation zum Fremdwort und Legitimation durch Verfahren zu einem knappen Gut geworden ist. Und in der es mittlerweile so scheint, als müsste ein Präsident im Ruhestand mit seiner Streitschrift Aufgaben übernehmen, die ehedem zu den vornehmsten Anliegen von Intellektuellen zählten. Letztere haben sich mehrheitlich im age of frozen scandal, in der Zeit des tief gefrorenen Skandals, eingerichtet – so sie denn nicht im Lager der politischen Fundamentalisten zu finden sind.

Von dem Hintergrund dieser »Revolution« (Carter) konnte die Bush-Regierung ihr autokratisches Regime etablieren. Über die im Laufe der Jahre angerichteten Schäden ist andernorts Ausführlicheres zu lesen. Aber Carter versteht auch hier, seine Pointen klug zu setzen, wie sich in den Ausführungen zur Atomwaffenpolitik und zum fahrlässigen Umgang mit Nordkorea zeigt. Und nebenbei erfahren wir auch, dass George W. Bush im Umfeld des letzten Irak-Krieges dem Privatmann Carter eine Reise nach Syrien untersagte. Sich mit der alsbaldigen Wahl eines neuen Präsidenten zu trösten scheint angesichts dieses Buches naiv. Darin liegt die eigentliche Irritation von Jimmy Carters Intervention – in der Unterstellung, dass Amerika und mit ihm der Rest der Welt keine Probleme hätte, wenn allein George W. Bush das Problem wäre.