Auf seinen Kontaktstreifen von Anfang September 1939 erscheint der Überfall auf Polen als Betriebsausflug: Panzer rollen über Autobahnen, Soldaten baden, die NS-Prominenz findet sich zum Abflug ein, ein Straßenschild weist die Richtung »Nach Polen. Über Lodz«. Der Krieg selbst ist abwesend, nur die Geschütze auf den beiden letzten Fotos deuten ihn an. Hitlers Vernichtungskrieg als Reise, als Sport, als Abenteuer, in Schwarzweiß und in Farbe, und immer sauber. Diese Sicht auf den Krieg prägte die Erzählungen seiner Teilnehmer und lange die Bilderwelt der Nachgeborenen. Vor allem die Farbaufnahmen von Hitler auf dem Berghof und die Filmsequenz von der Auszeichnung der Hitlerjungen im Garten der Reichskanzlei im März 1945 – zuletzt in Szene gesetzt in Eichingers Der Untergang – haben Geschichte gemacht.

Nur einem kleinen Kreis war bislang der Mann bekannt, von dem diese Aufnahmen stammen. Walter Frentz, Jahrgang 1907, studierter Elektroingenieur, von der Fotografie der Neuen Sachlichkeit und dem Film der sowjetischen Avantgarde geprägter Hobbyfilmer, kam als Autodidakt zum Film. Sein Paddelfreund Albert Speer hatte seine Kajakfilme gesehen und ihn Leni Riefenstahl empfohlen, die ihn für ihre Parteitagsfilme von 1933 und 1934 engagierte. In ihrem Olympia-Film drehte er den Marathonlauf und die Segelregatten. Frentz brillierte durch einen virtuosen Umgang mit der Handkamera, indem er die Subjektivität des Geschehens und die Zuschauer einzufangen verstand. Obwohl nie Mitglied der NSDAP, gehörte er als »Kameramann des Führers« von 1939 bis Kriegsende zum engeren Umfeld Hitlers. Ein großer Teil seiner Aufnahmen ging in die deutsche Kriegswochenschau ein; einige seiner Fotografien erschienen in NS-Illustrierten. Wirkliche Popularität erlangten seine Bilder aber erst nach 1945 – in rechtsextremen Verlagen, in den Nachkriegsillustrierten, vor allem im Fernsehen, das sich gerne seiner vermeintlich authentischen Bilder bediente.

Wie Riefenstahl verstand sich Frentz nur als Fotograf und Chronist ohne jede Verantwortung für seine Bilder. Auch die Alliierten sahen ihn so – und nicht wenige Historiker. Tatsächlich war er neben Heinrich Hoffmann und Hans Schweitzer (»Mjölnir«) einer der wichtigsten Bildpropagandisten des Nationalsozialismus. Viele seiner überlieferten Bilder sind erstaunlich stilisiert, bewusste Inszenierungen einer reinen und heilen Welt. So sahen sich die Nationalsozialisten gerne selbst. Ihre Verbrechen kommen in seinen Bildern nicht vor, obwohl er von ihnen Kenntnis besaß und sie möglicherweise im Auftrag Himmlers, an dessen Minsker Reise er im August 1941 teilnahm, auch im Bild festhielt. Dass er Hitlers Auge gewesen sei, mit dem dieser die Welt außerhalb des Führerhauptquartiers erkundet habe, wie er selbst seine Rolle während des Krieges beschrieb, dürfte eher Ausdruck der Überhöhung der eigenen Person als der Realität gewesen sein. Frentz’ Bilder haben sich tief in das kollektive Bildgedächtnis der Deutschen eingebrannt, wie die Autoren des Bandes stereotyp versichern. Tatsächlich kennen viele Zuschauer zeitgeschichtlicher Dokumentationen die NS-Zeit nur durch das Auge seiner Kamera – ein später Triumph der Propaganda des Joseph Goebbels.

Herausgeber und Autoren stellen Hitlers Kameramann und Leibfotografen als von antijüdischen Ressentiments geprägten Anhänger des NS-Regimes und als glühenden Verehrer Hitlers vor, der auch nach dem Krieg in das rechte Netzwerk eingebunden blieb. Diesen Bildpropagandisten ins rechte Licht gerückt, seinen Aufnahmen einen kritischen zeit- wie kunsthistorischen Rahmen gegeben und seine bildlichen Perspektiven entschlüsselt zu haben ist der Verdienst ihres Buches. Gerhard Paul