Ich kenne diesen Jungen – oder vielmehr: Ich kenne diese Art von Jungen. Steven Green wurde 1985 in Midland geboren, gegen Ende der Reagan-Jahre. In Midland will alles groß sein: Hier gibt es die größten Steaks, die größten Hüte, den breitesten Akzent, hier nicken die gewaltigsten Ölpumpen in der trockenen Weite des Landes. Es ist eine jener Städte im Ödland, in denen nach einem Spaziergang durch die Innenstadt noch der Staub zwischen den Zähnen knirscht. Volle Deckung - US-Soldaten bei einem Einsatz in Nadschaf, Irak, 2004 BILD

Steven Green hatte, nach allem, was man hört, eine jener traurigen amerikanischen Kindheiten, wie man sie in praktisch jedem kleinen Kaff Amerikas findet. Seine Eltern, John Green und Roxanne Simolkie, ließen sich scheiden, als er noch klein war. Für eine Weile wurde er zwischen Mutter und Vater hin- und hergereicht, dann zog Roxanne mit ihm nach Houston. Mit acht bekam er einen neuen Stiefvater. Es muss ein bisschen so gewesen sein wie mit Jacken: Die Väter nutzten sich an den Ellbogen ab, der Reißverschluss ging kaputt, die dunklen Taschen rissen an den Nähten ein. In der Schule geriet Steven Green ein bisschen in Schwierigkeiten. Wahrscheinlich war er der Junge links hinten, der nicht still sitzen konnte. Keiner der Lehrer konnte ihn wirklich erreichen. Er legte sich als Markenzeichen einen finsteren Gesichtsausdruck zu und war, wie es heißt, in viele Schulhofprügeleien verwickelt.

Steven war sechzehn und wohnte wieder in Midland, als er mit Drogenutensilien geschnappt wurde. Die Strafe betrug 350 Dollar. Ein paar Monate später wurde er dabei erwischt, als er Tabak kaufte – noch mal 300 Dollar Strafe. Viel Geld für ein paar Zigaretten.

Wie das Leben so ist: Es wurde komplizierter. Seine Mami betrank sich. Er bekam einen neuen Stiefvater. Wie viele Väter konnte er eigentlich haben? Er brach die Schule ab. Überlegte, sich einen Job zu besorgen, vielleicht einen schönen Gürtel zu kaufen, eine enge Jeans und ein Paar richtig scharfe Stiefel. Er war jetzt alt genug, um Zigaretten zu rauchen und Tabak zu kauen, und möglicherweise standen auf den hinteren Taschen seiner Jeans die Logos von Marlboro und Red Man, den Ikonen des amerikanischen Westens.

Sie verbrannten die Mädchenleiche und vereinbarten Stillschweigen

Anfang 2005, mit neunzehn, wurde er mit Alkohol erwischt, und anstatt seine 300 Dollar Strafe zu zahlen, ging er diesmal für ein paar Tage ins Gefängnis. Vier Tage hinter Gittern – vielleicht würde er da ein bisschen zur Ruhe kommen. Vielleicht reichte die Zeit, um ihn auf den Gedanken zu bringen, er könnte seinem Leben eine neue Richtung geben. Als Steven aus dem Gefängnis kam, tat er, was viele junge Leute ohne Zukunft tun. Er ging zum Rekrutierungsbüro der Armee, wo die Soldaten zweiunddreißig blitzende weiße Zähne und in den Augen dieses echt amerikanische und, ja, väterliche Leuchten haben: Komm her, mein Sohn. Wir bieten dir ein aufregendes Leben! Hubschrauber! Humvees! Unterschreib hier, und hol’s dir! Dir ist alles vergeben, Steven – hier ist das Leben, für das du geschaffen bist!

Die US-Armee sah über Stevens Delikte und seinen fehlenden Schulabschluss hinweg, nahm ihn auf, taufte ihn – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: In Fort Benning, Georgia, wurde er in einen großen Teich getaucht und zum wiedergeborenen Christen. Dann steckte man ihn in eine Uniform, versah ihn mit einer Kevlar-Weste aus blindem Patriotismus und schickte ihn in den Irak.