Gegen Ende seiner vielgerühmten Autobiografie Ich nicht erzählt Joachim Fest eine Anekdote. Im Umgang mit der NS-Vergangenheit habe es ungezählte Wege wie Nebenpfade der Ausflucht gegeben, schreibt er.

Einer wird von einem der führenden Köpfe des Landes berichtet. Der war in der Zeit des ausgehenden Hitlerreichs HJ-Führer und dem Regime mit allen Fasern seiner Existenz verbunden gewesen. Auf einer Geburtstagsfeier in den 80er Jahren habe ein ehedem Untergebener ihm als seinem früheren HJ-Vorgesetzten ein von diesem im Frühjahr 1945 verfaßtes Schreiben über den Tisch gereicht, das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Führer und die unerschütterliche Erwartung des Endsieges enthielt. Ohne einen genauen Blick auf das Schriftstück zu werfen, so geht die Geschichte nach dem Zeugnis mehrerer Teilnehmer und Eingeweihter weiter, habe der Angesprochene das Papier zerknüllt in den Mund gesteckt und nicht ohne einiges Herauf- und Herunterwürgen geschluckt. Man mag darin eine Art Schadensabwicklung sehen, die Belastungen der Vergangenheit für immer loszuwerden.

An diesem Bericht ist so gut wie kein Wort richtig. Jürgen Habermas, um den es hier geht, war kein HJ-Führer, sondern der Feldscher einer Jungvolkeinheit der Zehn- bis Vierzehnjährigen, denen er die Anfänge der Ersten Hilfe beibringen sollte. Dass der Vierzehnjährige, der Arzt werden wollte, trotz der vom NS geächteten körperlichen Behinderung dem Regime mit allen Fasern seiner Existenz verbunden gewesen sein soll, ist eine perfide Erfindung. Das erwähnte Schreiben vom Ende des Jahres 1943, nicht etwa vom Frühjahr 1945, enthielt auch nicht das von Fest frei fabulierte Bekenntnis zum Führer und die unerschütterliche Erwartung des Endsieges. Vielmehr handelte es sich um ein in Postkartengröße vorgedrucktes Formular, von dem jeder Pimpfen- und HJ-Häuptling einen Stoß besaß. Es war eine Aufforderung zum Dienst, welche sinngemäß nur die beiden Sätze enthielt: Du hast am xx. xx. am Dienst nicht teilgenommen. Du wirst hiermit aufgefordert, ab sofort am Dienst wieder teilzunehmen. Darunter wurde nur die Unterschrift gesetzt. Jeder kleine Anführer suchte damit seine Schäfchen nach mehrmaligem Fernbleiben vom Dienst zusammenzutrommeln.

Eine solche Aufforderung gelangte zwar in Habermas Hand, in den siebziger und nicht in den achtziger Jahren, aber anwesend war nur seine Frau, keineswegs eine Geburtstagsgesellschaft. Das unterstellte Zeugnis mehrerer Teilnehmer und Eingeweihter ist nichts anderes als eine weitere böswillig herbeifantasierte Fiktion, um empirische Glaubwürdigkeit anzudrohen.

Worum geht es also bei dieser von vorn bis hinten fabulierten Geschichte? Ich kann das, gewissermaßen als einer der Kronzeugen, genau sagen. Habermas und ich sind in einer bergischen Kleinstadt im kargen Winkel Rheinpreußens großgeworden und gehörten, wie alle Jugendlichen, dem Jungvolk an. Den von Habermas angebotenen Feldscher-Kurs habe ich besucht, aber wegen konkurrierender Sportveranstaltungen mehrfach geschwänzt. Darauf erhielt ich die erwähnte Aufforderung. Als braver Pimpf war ich so betroffen, dass ich sie in einem Tagebuch verwahrt habe. In den siebziger Jahren übernachteten wir einmal bei Habermas in Starnberg, redeten abends über die Kriegsjahre, und ich erwähnte die Aufforderung, die temperamentvoll bestritten wurde. Zu Hause angekommen, fand ich sie und schickte das Beweisstück mit einem Gruß nach Süden. Als wir uns im folgenden Jahr wieder in den Ferien auf Elba trafen, fragte ich, was aus meiner Sendung geworden sei, und Ute Habermas erwiderte ironisch am Strand: Du kennst doch Jürgen, er hat sie verschluckt.

Wir lachten über die schlagfertige Antwort, keiner kam auf den Gedanken an den Realverzehr von vergilbtem Papier. Auch als ich nach diesem Urlaub zwei befreundeten Kollegen die Geschichte als Beweis für Schlagfertigkeit zur Erheiterung erzählte, kam keiner auf diesen Gedanken - danach geriet die Anekdote bei uns in Vergessenheit. Zehn Jahre später tauchte ein erstes Gerücht über diese Begebenheit auf, zwanzig Jahre später wiederholte sich das Gerücht in noch weiter ausgesponnener Form, schließlich nahm es offenbar die von Fest gedruckte Form an. Niemand erkundigte sich nach dem Wahrheitsgehalt.

Das tat erst 2003 der Konstanzer Philosoph Gereon Wolters, der von Habermas und mir den richtigen Sachverhalt erfuhr, sodass er sich in einer Veröffentlichung darauf stützen konnte.