DIE ZEIT : Sie sind Engländer, aber Sie leben und lehren in New York. Jüngst sind Sie subtil daran gehindert worden, Vorträge zu halten. Warum?

Tony Judt : Es war nicht direkt ein Redeverbot, aber in der Tat hatte ich im vergangenen Jahr mehrfach Probleme, Vorträge zu halten. Dabei geht es nicht um mich, sondern um die Israel-Lobby. Es geht um die kontroverse Diskussion des Israel-Palästina-Konflikts in Amerika.

ZEIT : Mit dem Ausdruck Israel-Lobby spielen Sie auf jüdische Organisationen in den Vereinigten Staaten an – und auf eine Studie der Politikwissenschaftler Walt und Mearsheimer. Meinen Sie nicht, dass der Ausdruck Israel-Lobby einen ausgesprochen finsteren Unterton hat?

Judt : Zugegeben, Israel-Lobby ist eine problematische Bezeichnung, aber man muss die Sache beim Namen nennen. Es ist nun einmal eine Lobby, es gibt ja auch die Waffen- und Öllobbys. Ich nenne es Israel-Lobby, weil es jetzt auch rechte Christen gibt, die wir vor zwanzig Jahren Feinde Israels genannt haben. Sie sind Teil der Lobby. Sie geben Geld, viel Geld. Aber das ursprüngliche Ziel des American Israel Public Affairs Committee in Washington, des American Jewish Committee und der Anti-Defamation League war es, Antisemitismus zu bekämpfen. Heute hat die Israel-Lobby zwei Projekte: Das erste ist, die Interessen Israels, so wie sie sie versteht, zu verteidigen. Das zweite Projekt ist, Kritiker wie mich zum Schweigen zu bringen.

ZEIT : Werden Sie gezielt eingeschüchtert?

Judt : Noch einmal: Es geht nicht um mich. Es gibt in Amerika seit den Anschlägen vom 11. September eine Atmosphäre der Angst und des Konformismus. Man scheut sich, Israel zu kritisieren. Und wenn ein Jude wie ich Israel kritisiert, ist man schlecht auf mich zu sprechen.

ZEIT : Aber Sie sind ein Einzelfall.