Judt : Nein, keineswegs. Die englische Historikerin Carmen Callil hat ein Buch über das Vichy-Regime geschrieben. Die französische Botschaft in Washington wollte eine große Party geben, aber 24 Stunden vorher wurde die Feier abgesagt. Warum? Weil jemand angerufen und gesagt hat, die Autorin habe ein paar kritische Sätze gegen Israel geschrieben. Die französische Botschaft ist beim ersten Anruf eingeknickt. Das nenne ich politische Macht.

ZEIT : Sie fordern eine Verfassungsreform für Israel und stellen seine jüdische Identität infrage.

Judt : Das behaupten meine Gegner, aber es stimmt nicht. Ich rufe nicht nach einem neuen Staat. Israel ist ein jüdischer Staat und wird immer einer bleiben. Aber in diesem Staat haben Juden Privilegien, die andere nicht genießen, weil sie keine Juden sind. Es gibt zwei Klassen von Bürgern, und das kritisiere ich. Ich glaube eben nicht an die Zwei-Staaten-Lösung, also an einen israelischen und einen palästinensischen Staat, die nebeneinander existieren. Denn das Territorium kann gar nicht in dieser Weise aufgeteilt werden. Wie soll das gehen? Die Wasservorräte sind zum größten Teil in den Händen der Israelis, das fruchtbare Land ebenfalls. Wirtschaftlich sind beide Ökonomien zutiefst miteinander verwoben. Die Palästinenser brauchen die israelische Ökonomie für Jobs, Israelis brauchen die Palästinenser als billige Arbeitskräfte.

ZEIT : Damit Israelis und Palästinenser zusammen leben könnten, müsste Israel sein ethnisches Verständnis von Staatsbürgerschaft aufgeben?

Judt : Das Eigenartige an Israel ist doch, dass es zwei unterschiedliche Definitionen von Staatsbürgerschaft hat. Eine davon ähnelt dem deutschen Gesetz von 1913, nur noch ethnischer definiert. Wenn deine Mutter keine Jüdin ist, kann deine Familie seit zehn Generationen in diesem Land leben – du bist trotzdem kein vollwertiger Bürger. Und das habe ich kritisiert.

ZEIT : Ist die Nervosität in der jüdischen Diaspora nicht verständlich? Israel wird bedrängt wie lange nicht mehr, die Regierung ist in der Krise…

Judt : Die Krise ist neu, aber die Nervosität gibt es schon lange. Jede Diaspora hat diese Art von Nervosität. Die Diaspora fühlt sich immer schuldig, weil sie sich weit weg vom Zentrum befindet. Und die jüdische Gemeinschaft in Amerika ist anders als der Rest der jüdischen Diaspora. Sie ist einerseits die erfolgreichste, am besten integrierte, reichste, sicherste, einflussreichste und kulturell fundierteste jüdische Gemeinschaft seit dem Römischen Reich. Die meisten amerikanischen Juden praktizieren aber ihre Religion nicht mehr. Sie sind weniger jüdisch, als Europäer christlich sind. Was macht also ihre Identität aus? Ihre kollektive Identität umfasst Auschwitz und Israel. Auschwitz ist die historisch einzigartige Identität des Leidens, Israel ist das Symbol ihrer heutigen Sicherheit. Daraus entsteht ein großes Durcheinander aus Stolz – weil Israel hart und machohaft ist – und Unsicherheit, weil sie immer fürchten, dass Juden wieder vergast werden könnten. Die Angst ist heute stärker, obwohl objektiv die Lage nicht unsicherer ist als vor fünf Jahren. All das ist verantwortlich für die scharfen Reaktionen auf Leute wie mich. Paradoxerweise hat die aggressive Politik von Bush dazu geführt, dass sich die Israelis heute schutzloser fühlen. Israel fühlt sich irgendwie verantwortlich für die Bush-Strategie. Und da ist ja auch was dran.