ZEIT : Wo verläuft die Grenze zwischen einer legitimen Kritik an Israel – und einer antisemitischen?

Judt : Es ist ein bisschen wie bei der Definition von Obszönität. Ich kann sie nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe. Es hängt auch viel vom Kontext ab. Und vom Ort. Ich würde meine Kritik nicht in Damaskus äußern. Gerade weil sie dort recht populär wäre.

ZEIT : Wenn man Ihnen zuhört, bekommt man den Eindruck, die liberale Intelligenz sei tief gespalten.

Judt : Zunächst fühlte es sich gar nicht wie eine Spaltung an. Die meisten haben einfach ihre intellektuelle Eigenständigkeit aufgegeben. Kurz nach den Anschlägen von New York sprachen liberale Intellektuelle schon vom Islamofaschismus. Als ich das hörte, dachte ich, es gab doch auch jüdische Faschisten und Terroristen, auch christliche Terroristen, die in Amerika Abtreibungskliniken bombardieren. Aber über sie sprach niemand. Man wollte aus der unleugbaren terroristischen Bedrohung ein welthistorisches Problem machen. So fand ich mich aufseiten der Linken wieder, die ich oft kritisiert hatte. Nun bin ich in einer Art Niemandsland. Ich war für die Intervention im Kosovo und wäre auch für eine Intervention in Darfur, die leider nicht stattfinden wird. Die Irak-Intervention habe ich abgelehnt. Das war der falsche Krieg zur falschen Zeit am falschen Ort.

ZEIT : Warum spaltete sich die liberale Intelligenz überhaupt, nicht nur in Amerika?

Judt : Warum Leute wie Paul Berman oder Michael Ignatieff plötzlich für den Krieg waren? Meine Erklärung ist, dass sie wie André Glucksmann, Adam Michnik oder Václav Havel sich vollständig dem Glauben an die Menschenrechte verschrieben hatten und sehr resolut das Prinzip universeller Werte verteidigten. Dahinter stand das nichtreligiöse, moralische Vokabular von Gut und Böse. Nach dem 11. September dachten sie plötzlich so ähnlich wie Bush: Wir müssen uns zwischen Gut und Böse entscheiden. Es gibt keine Grauzonen. Wir wissen, auf welcher Seite wir stehen.

ZEIT : Auch deutsche Intellektuelle riefen plötzlich: "Kapitalismus oder Barbarei!"