Judt : Was soll diese alberne Gegenüberstellung? Das sind die falschen Kategorien. Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem. Das sagt doch nichts über die politische Kultur aus. Barbarei kann in vielen Formen auftreten. Eine Form ist Guantánamo.

ZEIT: Ist es für Intellektuelle eine große Verlockung, endlich auf der richtigen Seite zu stehen?

Judt: Der Krieg gegen Terror bietet einen Raum zum Neudefinieren der Welt. Man kann als Intellektueller wieder eine klare Rolle spielen. Das ist attraktiv, wohingegen die pluralistische Demokratie mit ihren Kompromissen kompliziert ist. Das Paradox ist, dass Intellektuelle, die für komplizierte Denkvorgänge bezahlt werden, analytische Einfachheit geradezu lieben. In Frankreich will man unbedingt als anti-antiamerikanisch gelten. Früher durfte man Moskau nicht kritisieren, um nicht als blöder Antikommunist zu gelten. Heute darf man Washington nicht kritisieren. Das ist schon bizarr.

ZEIT : Immerhin, anders als viele Liberale und Linke haben sich die amerikanischen Neokonservativen nicht mit Diktatoren arrangieren wollen.

Judt : Mit Verlaub, das ist Schwachsinn. Erstens: Die Neokonservativen arrangieren sich sehr gern mit den Diktatoren in Kasachstan oder in Pakistan, solange sie auf unserer Seite sind. Zweitens: Ich wüsste nicht, dass jemand von den Neokonservativen vor 2001 Diktatoren als ein Problem bezeichnet hätte. Die einzige Sache, für die sie sich außenpolitisch interessierten, war der Palästina-Konflikt. Sie waren gegen Diktatoren und für die Demokratie. Nach der Wahl allerdings waren sie plötzlich der Meinung, ein Diktator sei eventuell besser.

ZEIT : Könnte man nicht sagen, dass Amerika im Irak-Krieg nach der Logik des Hegemon handelte?

Judt : Ein Hegemon könnte ebenso gut sagen: Weil ich so machtvoll bin und mich niemand besiegen kann, habe ich viele Möglichkeiten. Ich kann mit Iran sprechen, es kann mir nichts passieren, denn ich werde nie schwach erscheinen. Ich habe auch die Freiheit, weich zu sein. Dies war die Logik des Hegemons in den Tagen von Truman und Eisenhower. Eisenhower behandelte die Kommunisten als gleichwertige Gegner, obwohl er wusste, dass sie schwächer waren, denn dies war ein effektiverer Weg, die Dinge im Gleichgewicht zu halten. Es gibt eben viele Arten, seine Macht einzusetzen.