ZEIT : Derzeit scheint der Hegemon lernfähig.

Judt : Wie man’s nimmt. Die US-Konservativen haben nicht deshalb Probleme, weil die Öffentlichkeit die Nase voll hätte von Krieg und Folter, sondern weil der Krieg schlecht läuft. Wäre er erfolgreich gewesen, hätte Bush nie ein Problem gehabt, nicht mit Guantánamo, nicht mit Abu Ghraib.

ZEIT : Wie hat sich Amerika in den vergangenen Jahren verändert?

Judt: Ich lebe seit 1987 dort, aber erst seit 2001 fühle ich mich politisch und kulturell nicht mehr wohl. Es gibt eine düstere Mischung aus Konformismus, Rückzug und Angst. Psychologisch gesehen, werden Amerikaner zu einer eingezäunten Gemeinschaft. Bushs Ausspruch, dass wir den Krieg außer Landes führen würden, damit er nicht hierherkomme, ist deswegen so populär. Dieses Sicherheitsdenken erinnert mich an Orwells 1984. Ständig wird der Krieg und der Ausnahmezustand beschworen, nur das Kriegsziel ändert sich.

ZEIT : Das klingt so, als habe Bush auch die Bücher des Rechtswissenschaftlers Carl Schmitt und des Philosophen Leo Strauss gelesen.

Judt : Nein, Bush hat von den beiden noch nie etwas gehört, Dick Cheney vielleicht. Und doch gibt es einen Zusammenhang mit seiner Politik. Viele junge Leute, die zu den Neokonservativen gehören, und viele ihrer Professoren wie Paul Wolfowitz studierten bei Leo Strauss und bewunderten Carl Schmitt. Deren Denken ist heute das Mäntelchen reiner Macht. Wenn ich Leuten wie Robert Kagan oder Wolfowitz zuhöre, höre ich aus ihren Worten eine Art angewandten Schmittianismus. Dass der Krieg zum ständigen Hintergrund für die Innenpolitik wird, erinnert mich ohnehin an den Faschismus. Er zeichnet sich dadurch aus, dass die Rolle des Staats der Krieg ist. Deswegen muss die Gesellschaft in einen dauernden Kriegszustand versetzt werden. Die kommunistische Version davon lautet, dass der Staat ständig Krieg gegen die Gesellschaft führt, weil sich in ihr dunkle Elemente verstecken.

ZEIT : Amerika ist eine Demokratie, und es gibt kräftig Gegenwind.