Judt : Ich meine das ernst. Viele haben einfach nicht verstanden, warum der Sozialstaat so unverzichtbar ist – weil er ein Versprechen auf Sicherheit darstellt. Sobald dieses Versprechen in einer instabilen Welt aufgekündigt wird, öffnen Sie dem politischen Extremismus Tür und Tor. Deshalb ist für mich Europa das einzige Modell einer möglichen Zukunft für die Welt. Weder China noch Indien werden auf absehbare Zukunft Modellstaaten sein. Allerdings könnten wir versucht sein, ihnen nachzueifern und unsere sozialen Standards abzuschaffen. Falls wir das tun, hätten wir fünf Jahre später wieder den Faschismus.

ZEIT : Das klingt so, als bestünde die größte Gefahr darin, dass wir die westlichen Errungenschaften eines Tages vergessen könnten.

Judt : Ich fürchte jedenfalls, dass die Verbindung aus einem hocheffizienten Kapitalismus, sozialer Stabilität und politischer Freiheit nur ein glücklicher Zwischenfall in Westeuropa und Nordamerika in der Geschichte der letzten hundert Jahre war. Ich bin nicht sicher, ob wir sie so einfach wiederherstellen könnten – und ob wir nicht eines Tages alle so leben wie in China, in einem autoritären Kapitalismus.

Das Gespräch führte Thomas Assheuer

Aus dem Englischen von Christiane Behrend