Wie viele Beine wohl ein Mensch hat? Zwei, drei, vier? Und wie war das noch mal? Tische und Stühle fallen um mit zwei Beinen, auf dreien bleiben sie stehen. Drei also, klingt logisch. Weiter. Hab ich Kinder? Eins, zwei, drei, zehn? Axel Fincke, 49, war früher Segler. Er sagt, der Ehrgeiz eines Sportlers helfe ihm heute BILD

Axel Finckes Gehirn übt Denken, Erinnern. Ziemlich erstaunlich, was es noch alles kann, obwohl ihm ganze Teile herausgeschnitten wurden. Er liegt im Klinikum Großhadern in München, Neurochirurgie. Es ist das Jahr 1993, Winter, aber die Jahreszeiten werden noch für längere Zeit keine Rolle für ihn spielen. Fincke ist aus dem Koma erwacht. Er kann nicht sprechen, sich nicht bewegen, bloß einen Meter weit gucken, also baut er sich die Welt aus seinen eigenen Gedanken wieder zusammen. Wie eine Heimwerkerarbeit, die auf den ersten Blick gut aussieht, bei der aber ein paar Dinge nicht so ganz stimmen. Seine Welt ist von Dreibeinigen bevölkert.

Ein Mensch, der gerade aus dem Koma erwacht ist, hat seine eigene Logik, so wie ein Jurist seine eigene Logik hat. Beide verfolgen ihre Ziele mit Tunnelblick: Der Patient will nichts als überleben, der Jurist nichts als seinen Fall gewinnen, das Beste für seinen Mandanten herausholen. Den Patienten darf nicht interessieren, was seine Angehörigen empfinden, dass die Situation auch für sie schmerzhaft ist; jeder Gedanke daran würde ihm zu viel Energie rauben. Der Jurist darf nicht in Kategorien wie Mitleid oder Moral denken, er schaut bloß: Was steht im Gesetz? Was lässt sich beweisen? (Wobei es in diesem Fall noch ein bisschen komplizierter ist.) Axel Fincke hat nur zwei Monate im Koma gelegen, aber bis er das Universum seiner Krankheit verlassen konnte, hat es Jahre gedauert. Als er wieder anderes wahrnehmen konnte als sein eigenes Leiden, musste er sich, sehr langsam, auch jener Welt annähern, die er zuvor sehr gut gekannt hatte: dem Reich der Anwälte, Richter, Staatsanwälte, das sogar einem wie ihm, der früher selbst mal Rechtsanwalt war, manchmal absurder scheinen muss als eine Welt voller Dreibeiniger. Warum bloß dauert der Kampf um Gerechtigkeit nun schon bald anderthalb Jahrzehnte?

Vielleicht will der Operateur, eine Kapazität, bloß seine Ehre retten

Der Kunstfehlerprozess Fincke gegen den Freistaat Bayern als Träger des Klinikums Großhadern und gegen Professor R. als behandelnden Arzt hat inzwischen mehrere Richter und Anwälte, vor allem aber unzählige Gutachter verschlissen. Wie Finckes Anwalt Wolfgang Putz sagt, handelt es sich um »einen der Monster-Altfälle des Medizinrechts« in Deutschland, der symptomatisch ist für die extrem lange Prozessdauer bei großen Schäden. Eine juristisch wie medizinisch komplizierte Geschichte, hinter der sich eine menschliche Tragödie verbirgt. Eine Zahl soll ihre Tragweite ausdrücken: 5.954.406,07. Wolfgang Putz hat das ausgerechnet, in Euro und Cent: Schmerzensgeld plus geschätzten Verdienstausfall plus sonstige materielle Schäden plus Zinsen.

Vielleicht liegt es an der hohen Summe, dass die Gegenseite mit allen, auch äußerst ungewöhnlichen und unanständigen, Methoden kämpft. Vielleicht will der Operateur, ein inzwischen emeritierter Professor, eine Kapazität auf seinem Gebiet, ehrenwertes und langjähriges Mitglied einer wichtigen Fachgesellschaft von Neurochirurgen, bloß seine Ehre retten. Es geht um sein Leben, um all das, was er beruflich erreicht hat. Das ist der Grund, warum sein Name in dieser Geschichte bloß ein Buchstabe ist. Das Verfahren läuft ja noch immer.

Fremden Besuch zu empfangen ist für Axel Fincke eine Mutprobe. Erste Kontaktaufnahme per E-Mail, am Telefon ist er schwer zu verstehen, er spricht noch immer schlecht. Wir verabreden uns für Montagmorgen um halb acht. Eine Erdgeschosswohnung in München-Giesing, drei Zimmer, seltsam unbewohnt. An den Wänden Kalender mit Fotos von Segelyachten, Kinderbilder, eine gerahmte Urkunde »Master of Laws, Carl-Axel Fincke« der George Washington University, im Flurregal Juristen-Bibeln: Deutsche Gesetze, HGB, BGB. Der Tag, als sein linkes Auge zugenäht wurde, war für Axel Fincke wie ein kleiner Tod BILD