Am 17. November 1906 veröffentlichte der Berliner Journalist Maximilian Harden in seiner Wochenschrift Zukunft einen Artikel mit der vielsagenden Überschrift Präludium. Darin übte er scharfe Kritik an einem Kreis von Politikern, die zur Entourage Kaiser Wilhelms II. gehörten und »von sichtbaren und unsichtbaren Stellen aus Fädchen spönnen, die dem Deutschen Reich die Atmung erschweren«. Einen nahm Harden besonders aufs Korn: »Heute weise ich offen auf Philipp Friedrich Karl Alexander Botho Fürsten zu Eulenburg und Hertefeld, Grafen von Sandels, als auf den Mann, der mit unermüdlichem Eifer Wilhelm dem Zweiten zugeraunt hat und heute noch zuraunt, er sei berufen, allein zu regieren, und dürfe, als unvergleichlich Begnadeter, nur von dem Wolkensitz, von dessen Höhe herab ihm die Krone verliehen ward, Licht und Beistand erhoffen, erflehen; nur ihm sich verantwortlich fühlen. Das unheilvolle Wirken dieses Mannes soll wenigstens nicht im Dunkel fortwähren.« Die Affäre trifft die ganze preußische Elite. Besonders derb spottet das linke Satireblatt »Der wahre Jakob« mit dieser Musterungsszene: »Famoser Kerl! Tauglich für Garde du Corps!« – »Dat geiht woll nich! Ick hew‘n innerlichen Fehler.« – »Nanu, was hast du denn?« – »Hämorrhoiden!« BILD

In der Person des 59-jährigen Grafen (seit 1900 Fürsten) Philipp zu Eulenburg hatte Harden tatsächlich eine Schlüsselfigur des wilhelminischen Establishments getroffen. Der feinsinnige, aber intrigante Aristokrat, der sich neben dem diplomatischen Beruf als Dichter und Liederkomponist betätigte, zählte, seit Wilhelm 1888 den Thron bestiegen hatte, zum engsten Freundeskreis des jungen Monarchen. »Etwas wie ein preußischer Cagliostro«, so hatte schon Bismarck über den Höfling geurteilt. »Für das dramatische Temperament unseres Kaisers ist die Sorte ganz besonders gefährlich. Wenn er in der Nähe des hohen Herrn ist, nimmt Eulenburg Adorantenstellung ein.«

Eulenburg, Schlossherr in Liebenberg, 60 Kilometer nördlich von Berlin, empfand eine schwärmerische Bewunderung für Wilhelm und unternahm alles, ihn mit Männern zu umgeben, die ihm, wie er selbst, nach dem Munde redeten und ihn in seinen selbstherrlichen Allüren bestärkten. Im Kreis der »Liebenberger Tafelrunde«, inmitten von Schmeichlern und Speichelleckern, fühlte sich der unsichere, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Monarch am wohlsten. Und hier fielen wichtige Entscheidungen. So war es Eulenburg gewesen, der dem Kaiser Ende der neunziger Jahre die Berufung Bernhard von Bülows als Nachfolger des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst im Amt des Reichskanzlers empfohlen hatte.

Maximilian Harden legt nach, der Kampf beginnt

Seit der Jahrhundertwende nahm der Einfluss Eulenburgs jedoch deutlich ab. 1902 gab er seinen Botschafterposten in Wien auf und zog sich ganz aufs Schloss Liebenberg zurück. Wilhelm meldete sich zwar hin und wieder noch zu Besuch an, aber für Eingeweihte war erkennbar, dass der Kaisergünstling seine große Zeit hinter sich hatte. In den Augen der kritischen Öffentlichkeit galt Eulenburg indes immer noch als Haupt einer Nebenregierung, einer »Kamarilla«, die einen verderblichen Einfluss auf den Kaiser und die Reichspolitik ausübe.

Im Herbst 1906, als der Bismarck-Verehrer Harden seinen Feldzug gegen Eulenburg und dessen Freundeskreis eröffnete, hatte die Missstimmung über die Zustände an der Führungsspitze des Reiches einen Höhepunkt erreicht. »Wir entsinnen uns kaum einer Zeit, in der eine derartige Unzufriedenheit geherrscht und so offen zum Ausdruck gebracht worden wäre, wie es jetzt der Fall ist«, stellten die Hamburger Nachrichten fest, das alte Hausblatt der Bismarcks. Nahrung erhielt die Unzufriedenheit durch ein Buch, das damals für Furore sorgte: Unser Kaiser und sein Volk! Deutsche Sorgen. Von einem Schwarzseher . Der anonyme Verfasser kam zum Ergebnis, dass Wilhelm von Schranzen umgeben sei und längst den Kontakt zu seinem Volk verloren habe. Daraus leitete er die Forderung ab: »Die Chinesische Mauer der Hofkamarilla muß fallen!«

Mit seiner Attacke vom 17. November setzte sich Harden an die Spitze der Kritiker. Und bereits eine Woche nach seinem Präludium legte er nach. In einem Artikel Dies irae überraschte der brillante Journalist seine Leser mit einer »Momentaufnahme«, frei nach einer Szene aus Goethes Faust: »November 1906. Nacht. Offenes Feld im Uckergebiet. Der Harfner: ›Hast Du gelesen?‹ Der Süße: ›Schon Freitag.‹ Der Harfner: ›Meinst Du, daß noch mehr kommt?‹ Der Süße: ›Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, er scheint orientiert, und wenn er Briefe kennt, in denen von Liebchen die Rede ist.‹ Der Harfner: ›Undenkbar! Aber sie lassens überall abdrucken. Sie wollen uns mit Gewalt an den Hals.‹ Der Süße: ›Eine Hexenzunft. Vorbei! Vorbei!‹ Der Harfner: ›Wenn nur Er nichts davon erfährt!‹«