Washington

Die Demokratische Partei hat bei den letzten Wahlen großes Talent bewiesen, in eine Niederlage zu verwandeln, was wie ein sicherer Wahlsieg aussah. Al Gore hätte da einiges zu erzählen, John Kerry auch. Kommende Woche, bei der Kongresswahl, lauert die nächste Chance. Jeder redet vom bombensicheren Wahlerfolg der Demokraten und pflegt trotzdem leise Zweifel: Wird aus dem K.-o.-Sieg vielleicht doch bloß ein Nasenstüber für Präsident George Bush? Ende mit Flecken ? Donald Rumsfeld, George W. Bush, Dick Cheney BILD

Aber keine Sorge: Diesmal dürfte wirklich etwas passieren in Amerika. Zwar nicht unbedingt ein Durchmarsch der Demokraten, dafür womöglich der Anfang vom Ende einer Ära.

Zuerst die Zahlen. Lediglich 37 Prozent der Amerikaner glauben, der Präsident mache seinen Job gut. Gäbe es in Amerika das Verhältniswahlrecht, lägen die Demokraten mit 14 Prozentpunkten vorn. Schwer zu übersehen: Da braut sich etwas zusammen. Den Grund sehen die Meinungsforscher vor allem im Irak-Krieg, den nur noch 38 Prozent der Amerikaner unterstützen. Noch bei der Präsidentenwahl 2004 war der Krieg ein Pfund, mit dem Bush wuchern konnte. Zwei Jahre und ein paar tausend Tote später lautet die heimliche Wahlkampflosung der Demokraten: It’s the war, stupid!

Ist der Irak wie Vietnam? Selbst der Präsident stimmt dem Vergleich zu

Gut möglich, dass der Oktober 2006 als Wendepunkt des Krieges erinnert werden wird. Nicht nur weil allein im Oktober 100 US-Soldaten starben, so viele wie seit Kriegsbeginn nicht mehr. Vor allem hat sich in Washington die Bewertung des Kriegsverlaufes gewandelt, als habe jemand einen Schalter umgelegt. Plötzlich setzt sich die Ansicht durch, dass alle bisherigen Strategien gescheitert seien. Optimistischen Lageeinschätzungen und ambitionierten Plänen will unversehens niemand mehr Glauben schenken. Der Kolumnist Thomas Friedman vergeblich den blutigen Oktober mit der nordvietnamesischen Tet-Offensive des Jahres 1968, die den Kampfeswillen an der amerikanischen Heimatfront brach. Dazu befragt, akzeptierte Präsident Bush den Vergleich. Seither versucht er vergebens, das Bild vergessen zu machen, um dessen zersetzender Wirkung zu entkommen. Bushs Slogan (»Kurs halten!«) klingt für die Mehrheit der Wähler inzwischen wie eine Drohung, weshalb der Präsident neuerdings behauptet, seine Politik habe mit »Kurs halten« eigentlich nichts zu tun. Folglich sendet MSNBC allabendlich zur Erinnerung Stakkato-Schnitte von Auftritten des Präsidenten: 28 Mal fordert er, »Kurs zu halten«. Nur der Schlips wechselt jedes Mal. In republikanischen Werbespots kommt der Präsident kaum mehr vor. Ihn zu einer Wahlkampfrede einzuladen kann örtliche Kandidaten Stimmen kosten. Bush ist zum Paria des Wahlkampfes geworden. Niemand will ihn berühren.

Wichtigstes Indiz für den heraufziehenden Wetterwechsel in der Politik ist das Klima innerhalb der Republikanischen Partei. Peggy Noonan, einst Beraterin von Präsident Ronald Reagan, berichtet von Freunden in der Regierung, die sagen: »Ich hoffe, dass die Republikaner den Kongress verlieren.« Die Sehnsucht nach der Niederlage interpretiert Noonan so: »Sie wollen den Kongress feuern, weil sie den Präsidenten nicht feuern können.« Die Partei nehme Bush übel, dass er umdefiniert habe, was es bedeute, konservativ zu sein.

In diesen Tagen erscheinen gleich mehrere Bücher namhafter Rechter, die dem Präsidenten Verrat an ehernen Prinzipien des Konservatismus vorwerfen. In Conservatives Betrayed porträtiert Richard Viguerie, einer der Gründerväter der konservativen Basisbewegung, die Republikanische Partei als Geisel einer Gruppe staatsverliebter Politiker rund um Bush. Dessen »mitfühlenden Konservatismus« sieht Viguerie als ein quasi sozialdemokratisches Programm von Staatsinterventionen. »Big Brother« sorge für Terrorabwehr, der Ammenstaat der »Big Nanny« beschere dem Steuerzahler milliardenschwere Sozialgesetze. Bushs »Ausgabenorgie«, die nicht nur das Pentagon erfasse, lasse »die Clinton-Regierung wie Pfennigfuchser aussehen« und hinterlasse der nächsten Generation Milliarden Schulden. Am Ende, klagen Kritiker wie Viguerie, müsse die Partei auch noch die Inkompetenz der eigenen Regierung ertragen, ob in New Orleans oder Bagdad. So breitet sich die Sehnsucht aus, zurückzukehren zu den Prinzipien des Reagan-Republikanismus, der Staatsausgaben und Staatsaufgaben einschrumpfen wollte.