Überall in Amerika fanden am Dienstag Abgeordnetenkarrieren ihr Ende, weil die Wähler einen Mann abstrafen wollten, dessen Name nicht auf dem Stimmzettel stand. Aus einer Kongresswahl wurde ein Referendum über George W. Bush und seine Irak- Politik. Darum ist die Niederlage der Republikaner mehr als Popularitätsverschleiß. Mehr als das übliche "Jucken im sechsten Jahr", das amerikanische Wähler immer dann befällt, wenn ihnen die zweite Amtsperiode eines Präsidenten unerträglich lang wird. Mitten im Krieg sprechen die Amerikaner dem Oberbefehlshaber ihrer Truppen nicht leichtfertig das Misstrauen aus. Nach all den zerstobenen Hoffnungen und all den gebrochenen Versprechungen, nach all dem Blut und all den Tränen ertönt nach 45 Monaten Irak-Krieg der Ruf laut und klar: Kurswechsel! Die USA färben sich wieder im Blau der Demokraten - ein herber Schlag für Präsident Bush und seiner Republikaner BILD

Trotzdem lassen sich aus dieser Wahl leicht falsche Schlüsse ziehen. Die Demokraten könnten sich blenden lassen von einem Erfolg, der keiner ist. Sie sind Profiteure einer Niederlage des Präsidenten, mehr nicht. 1994, beim letzten großen Machtwechsel im Repräsentantenhaus, errangen die Republikaner einen Sieg, weil sie einen Plan für die Zukunft hatten. Ihr "Vertrag mit Amerika" lag den Wählern als Blaupause für die Reform von rechts vor. Zwölf Jahre später präsentieren sich die Demokraten als Partei ohne Plan und ohne Führung. Im Wahlkampf haben sie sich weggeduckt und bloß der Selbstzerstörung der Bush-Konservativen zugeschaut. Ihr Schlachtruf für den Irak lautet: "Veränderung". Was sie damit meinen, können sie selbst nicht genau sagen. Abziehen oder nicht? Sofort oder später? Mit oder ohne Terminplan? Die Demokraten sind eine große Partei. Jeder hat da seine eigene Vorstellung.

Die Demokraten werden nun ihren Anteil an der Macht ergreifen und Bush an die Kandare nehmen wollen. Lange kann es nicht dauern, bis sie feststellen: "Die Verfassung verleiht dem Präsidenten Relevanz." Diese Binsenweisheit stammt von Bill Clinton. Sie markiert den Beginn seines Comebacks, nachdem die Republikaner den Präsidenten machttrunken zum Auslaufmodell erklärt hatten. Der Satz hat seine Gültigkeit nicht verloren. Nach der Verfassung genießt die Exekutive große Handlungsfreiheit in der Außenpolitik. Der Präsident, nicht die oppositionelle Mehrheit im Repräsentantenhaus hat nach dieser Protestwahl den Auftrag, die Irak-Politik zu ändern.

George Bush wird die Initiative ergreifen und dabei nur zu gern die Demokraten als Feigenblatt benutzen. Er dürfte sie in die Mitverantwortung nehmen für jene Kurskorrektur, zu der ihn militärische Lage und Wahlausgang zwingen. Die Demokraten geraten so in eine Mesalliance mit einer Regierung im Niedergang. Sie müssen stärker als bisher Mitverantwortung tragen für einen Krieg, der kaum noch zu gewinnen ist und irgendwann in den Wirren eines Abzugs enden wird. Die Autoren einer Dolchstoßlegende spitzen schon die Federn. Die geht ungefähr so: Den tapferen Truppen fehlte im Irak nur der politische Durchhaltewillen an der Heimatfront.

Doch die Kapitulanten der Demokratischen Partei erzwangen die vorzeitige Aufgabe. Für die Zukunft der Partei wäre das ein brandgefährliches Narrativ. Es spannte den Bogen zwischen Vietnam und Irak. Wieder erschienen die Demokraten als Amerikas Rückzügler. Eine große Friedensbewegung, der Verantwortung für die Geschicke einer Weltmacht unmöglich zu übertragen wäre. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Befragt, was eine Mehrheit im Repräsentantenhaus bedeute, sagt Nancy Pelosi, die künftige Sprecherin der Kammer: "Die Macht, jedermann vorladen zu können." Für Untersuchungsausschüsse gibt es Bedarf. Als Themen drängen sich auf: Folter und Abhören, Versagen in New Orleans und Korruption beim Wiederaufbau des Iraks. Aber den Demokraten fällt noch mehr, viel mehr ein. So könnte schnell aus einem Parlament ein Gerichtssaal werden. Der Versuch, die Regierung zu kontrollieren, könnte sich leicht in einen Rachefeldzug gegen George Bush verwandeln. Besonders, sollten die Demokraten die Amtsanklage einleiten - wie es linke Bürgerinitiativen fordern. Dann wird aus dem Wahlerfolg blitzschnell ein Pyrrhussieg. Die Amerikaner sehnen sich nach einer unbeschädigten Präsidentschaft. Eine Partei von Nachtretern mag niemand.

Die nächste Wahl wird nicht noch einmal ein Plebiszit über die Vergangenheit sein. George Bush steht als Beelzebub dann nicht mehr zur Verfügung. Deshalb liegt in der Präsidentendämmerung eine einmalige Chance für die Demokraten. Diesmal haben sie aufgrund von Bushs Versagen die Stimmen vieler Konservativer erhalten. Nun müssen sie deren Vertrauen erarbeiten. Nur wenn das gelingt, legt diese Protestwahl das Fundament für eine dauerhafte demokratische Mehrheit. George Bush wäre dann seinem Parteiahnen Herbert Hoover vergleichbar, der Amerika in die Depression führte und so zum Geburtshelfer einer demokratischen Reformbewegung wurde. Zwischen 1932 und 1968 dominierte das Land jene gesellschaftliche Koalition, die Franklin Roosevelt formte. Sie bestand aus Intellektuellen und Gewerkschaften, Schwarzen und Katholiken.